Kanada 2017 – 12.07. – Teil 1

Das wäre fast eine Katastrophe geworden. Ich schreibe das vom Flughafen St.John’s aus. Zufällig entdeckte ich heute Abend beim Versuch, online einzuchecken, dass Air Canada die Abflugszeit von 22.05 Uhr auf 01.30 Uhr VORVERLEGT hatte. Ich bekam Panik, denn weder hatte ich schon gepackt, noch war meine Gastgeberin zu Hause. Und bei Air Canada – ich hielt das alles noch für einen Datenbankfehler – kam ich nur zu automatisierten Ja – Nein – Programmen. Ich informierte Joy und sie tauchte auch alsbald zu meiner Erleichterung auf und übernahm las gewiefte Vielfliegerin das Krisenmanagement. Sie meinte anfangs, dass ich mich irren müsse, bestimmt sei mein Flug um 4 Stunden nach hinten verschoben worden und nicht um 20 Stunden vorverlegt. Aber es stellte sich heraus, dass  sie sich irrte. In zähen Verhandlungen schaffte sie es, dass ich „umgbucht“ wurde. Ich komme nun fast einen Tag früher nach Hause, um Mittwoch 17.25 Uhr … falls ich keiner Datenbankpanne zum Opfer falle ….

Zweiter Teil folgt, wenn ich zuhause bin.

Kanada 2017 – 08.07.

Es ist gar nicht so einfach Neufundlands Form zu beschreiben: Eigentlich sieht es von oben aus, als wenn jemand versucht hat, Tapete von einere Wand zu reißen und da ist dann doch ein Rest hängen geblieben. Ein Fetzen so groß wie die DDR. 108.000 km im Quadrat. Angefangen habe ich auf dem linken oberen Fetzenteil, der nördlichen Halbinsel und im Moment befinde ich mich in Bellevue, auf dem schmalen Steg zur Halbinsel Avalon rechts unten, auf der das Hauptstädtchen Saint John’s liegt. Da will ich ja hin und wieder nach Hause fliegen. Es sind noch 114 km und ich versuche ein erstes Resumé.

Ich bin ja seit Deer Lake sozusagen auf der Autobahn unterwegs. Allerdings wird die erst am Ende 4 – spurig. Der TCH (Trans Canadian Highway) durchquert in Schlangenlinien den Hauptfetzen. Kein Chance zu glauben, „ah der Wind kommt von Südwesten und ich will ja nach Osten, also prima!“, denn genau dann treibt dich die Straße gnadenlos nach Süden! Und so erging es mir dieses Mal. Wind ist dann nicht einfach ein schwaches Lüftchen, sondern er bläst mir mit 25 km/h entgegen und bauscht sich immer wieder zu Böen mit bis zu 60 km/h auf! Da hungere ich jeder Kurve entgegen, die ein wenig weg aus der Windrichtung führt. Und dann immer wieder Steigungen! Fjordartig drängt der Atlantik immer wieder dem Highway entgegen, da geht es dann nur noch entweder hoch oder runter. Wie in Norwegen. Oh, ein See? Denkste, das ist das Meer. Und der Highway wird, auch wenn es mal flacher wird, schnell zu einer Schneise, einer Art Windkanal, der begierig den Wind bündelt, denn es ist nicht einfach nur eine Straße durch endlose Wälder. Es ist wie ein Schlucht, durch die Landschaft gefräst, links und rechts ist  die Vegetation 20 m breit kurz gehalten, dann kommt die Straße, jeweils mit, wie schön, einem 1 m breiten Seitenstreifen für uns Radfahrer, von denen ich so gut wie der einzige zu sein scheine. Immer wieder von hupenden Autos aufgemuntert. „Hey, ein Radfahrer,. wow! Tüüt, tüüt, tüüt!“  Ja, und dann ständige Wetterkontraste.

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Der Exploits-River nahe Grand Falls Windsor

Da freue ich mich über mehrere Tage Sonnenschein laiut Vorhersage und höchstens 20% – also kein – Regen, und endlich mal sommerliche Temperaturen (28°C!!), prompt ändert sich über Nacht alles und kaum habe ich Grand Falls Windsor verlassen, der erste Ort, zu dem ich mal eine halbe Etappe lang richtig geilen Rückenwind hatte, sehe ich schon graue Wolkenbahnen auf mich zukommen. Es erwischt mich gnadenlos. Anfangs noch von hinten, dann, als ich, um dem Highway zu entkommen, nach Norris Arm abgebogen bin, kam eine eiskalte Böe von Norden, passend zu meiner Fahrtrichtung an diesem Tag – Nordosten – und die Temperatur stürzte von 22 Grad am Morgen auf 8 Grad am frühen Nachmittag. Und keine Chance auf einen wärmenden Kaffee in diesem Kaff, nur einfältige Läden mit dummen Verkäufern… Ich bin sauer und zwinge mich weiter nach Notre Dame Junction, da gibt es einen Provincial Park mit Camping. Hoffentlich haben die auch Hütten, denke ich und tippe beim Empfang auf der Preisliste auf „Chalet“. Der uniformierte Provinzparkbeamte scheint das eigene Angebot nicht zu kennen und meint dann, nee, die sind nicht eingerichtet, das dürfe er mir nicht verkaufen. Ich stehe missmutig und bis auf die Haut  durchnässt vor ihm, wenigstens gibt er mir einen Platz gleich neben der Laundry und ich werfe als erstes meinen sämtlichen nassen Sachen in den Münztrockner … (zum Glück hatte es auch aufgehört zu regnen).

Als wäre nichs geschehen ist es am nächsten Tag wieder heiter, wenn auch kühl. Mir egal. Ich schwitze bergauf sowieso und der Wind ist an dem Tag mal gnädig und schwächelt von hinten und der Seite. Ich durchquere Gander. Und versuche per SMS mit Bild meinen Freund Martin Gander zu grüßen. Klappt aber nicht.

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DDR-Bürger erinnern sich vielleicht, dass das der Zwischenlandeplatz für die Interflug auf dem Weg nach Kuba war, den so mancher zur Flucht benutzte. Interessante Geschichten, wenn man danach googelt, wie die Stasi-Aufpasser versuchten, die Weitereiseunwilligen wieder einzufangen, verfolgt von der kanadischen Polizei, die genau das zu verhindern versuchte … Inzwischen ist dieses ehemalige internationale Luftdrehkreuz nur noch ein kleiner Provinzflughafen mit Luftverkehrsmuseum, auf dem, während ich dort entlang fuhr, ganze 3 Maschinen starteten bzw. landeten. Ich beschloss, noch bis Gambo zu fahren. Man fährt und fährt und lange sieht es immer gleich aus. Wald, Wald, Wald, See, Teich, Wald, Hügel, Hügel. Hügel … Als hätte jemand einen langen Tunnel mit immer der gleichen Tapete tapeziert…

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Zur Abwechslung immer mal ein rauschender Bach

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Noch 500 km bis Saint John’s

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Wie lieb ich doch diese Rumble-Strips …

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Eine See! Nein, das Meer.

Aber dann – ein grandioser Ausblick auf die Freshwater-Bay, den Fjord von Gambo.

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Da unten, die Freshwater Bay mit Gambo. 5 km weiter links hinter der Canpingplatz.

Über die einzelnen Orte gibt es wenig zu sagen, weil sie irgendwie alle gleich aussehen, ohne stadtplanerisch architektonischen Highlights wie man sie aus unseren europäischen Kulturlandschaften kennt. Alles „irgendwie“ hingestellt. Holzhäuser aus dem Baukasten, plastikverkleidet und wärmegedämmt. Man heizt hauptsächlich elektrisch. Strom ist billig, 5 Cent pro kW/h.

Von Gambo aus bin ich versuchsweise mal ein Stück den Trail ( den T’Rail) gefahren. Das ist die ehemalige Eisenbahnstrecke, die aufgegeben werden musste, als der TCH 1988 fertig war. Der Trail ist wiederum ein Teil des Transcanada Trails, der stolz präsentiert wird als DER Weg für Radfahrer und Wanderer quer durch das Land. Aber bis auf ein paar Teile in Großstadtnähe ist er nichts als Symbolpolitik. Geschottert und voller Pfützen. Ich sah meinen ersten Bären aus 200 m Entfernung auf dieser Reise und klingelte und sang laut fortan… Ich war dann froh, nach 6 km km die Straße wieder unter mir zu haben:

 

Als nächstes stand der Nationalpark Terra Nova auf dem Plan bzw. der Landkarte. Ich überlegte, ob ich dort einen Tag Rast mache oder weiter fahre, denn heute, als ich das hier alles schreibe, würde es einen Regentag geben und ich beschloss dann bei einem Vanilleeis in einer Raststätte, lieber so weit wie möglich zu fahren. Gut gesagt, denn ab jetzt gab es erstens wieder Gegenwind, zweitens eine unendlich lange (40 km!) Baustelle, bei der die Seitenstreifen mal eben 40 cm tief weggfräst waren, das ganze bei zunehmendem Verkehr, und drittens gab es längere und steilere Anstiege. Ich war zunehmend frustriert. Und beschloss wieder zu trampen. Postierte mich an die Ausfahrt des Terra Nova Campings Newman Sound und nöltigte quasi mit hilfloser Freundlichkeit, ein Ehepaar mit Kindern, mich mit ihrem Truck mitzunehmen. „Nur 20 km, wir wollen nach Sandy Beach“. Es waren dann 9. Okay, immerhin. Gestern habe ich das noch mal versucht. Bisher hatte es ja immer schnell geklappt, Arm raushalten und schon hielt einer. Und sei es aus Neugierde, denn er hatte gar keinen Platz. Aber diesmal ignoirierten mich alle. Zu viel Verkehr, da schiebt das einer auf den anderen oder was auch immer die Gründe sein mochten. An der nächsten Raststätte änderte ich die Taktik und sprach ein Ehepaar direkt an. Das klappte, aber wohl mehr weil Kanadier schlecht Nein sagen können, denn es waren sehr schweigsame 27 km bis zu Jacks Pond, einem Campingplatz. Ich wollte aber nicht einen ganzen Tag ohne WLAN in meinem Zelt eingeperrt wegen des Regens liegen und Hütten hatten sie nicht. Nun gut, weitere 17 km schaffte ich dann auch allein, und nun bin ich hier in diese Hütte:

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Wie heißen die denn nur?

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Am Abend vor dem Regen

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Bei Grand Falls. Nicht schon wieder!

 

Kanada 2017 – 03.07.

Ich bin jetzt schon hinter Deer Lake. Das ist das Städtchen am südlichen Rad des Gros Morne Nationalparks. Heute ist Pausentag und da das WLAN auf dem Campingplatz nur in 30 m Umkreis vom Empfang existiert und es dort nichts zum Sitzen gibt (alles gerade Baustgelle), versuchte ich es von Tim Hortons Kaffeehauskettenladen aus. Aber dann wurden die Wolken immer dichter und ich musste zurück zum Campingplatz eilen, um nach meinen Sachen zu sehen. (Habe ich das Zelt richtig zugemacht? Natürlich…)  Da war ich dann von 17 Uhr an im strömenden Regen in meinem Zelt gefangen… Am Abend zuvor traf ich dort Hélène, Daniel und France aus der facebook Biking across Canada-Gruppe. Interessant, wenn sich Virtuelles zu Realem wandelt.

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Zwei von ihnen  werde ich möglicherweise wieder treffen, da wir die gleiche Strecke fahren.

Jetzt erst einmal Bilder von der stürmischen Viking-Route und vom Gros Morne Nationalpark letzte Woche, die ich aus technischen  Gründen  bisher nicht hochladen konnte.

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Immer wieder gibt es kleinbe Fischersiedlungen an der Westküste.

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Am Greenpoint

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Am Greenpoint

 

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Blick vom Lookout bei Woodypoint im Gros Morne

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Bei Woodypoint

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Die Table Mountains im Gros Morne

 

Inzwischen bin ich auf dem sich durch das Land schlängelnden Trans Canada Highway, kurz TCH, unterwegs und suchte nach einer Quartiermöglichkeit. Der Campinglatz, den ich ansteuerte, existierte nicht mehr. Wagemutig durchstriff ich dennoch dessen Terrain, von einer angeblichen Überwachungskamera bedroht. Nein, es waren nur Bremsen, die sich auf mich stürzten aus Mangel an Campinggästen.  Aber kurz davor war doch eine kleine Siedlung an einem See, dem Birchy Lake. Ich dachte dann ich frage da mal, ob ich da vielleicht in jemandes Garten mein Zelt aufschlagen könnte. Gesagt getan. Alte Dame Nummer 1 schaute mich zweifelnd an und stimmte dann zu, „da oben auf der anderen Straßenseite vor dem graugrünen Häuschen“, das gehöre ihr … aber die Zustimmung klang mehr wie ein „Wenns denn sein muss“. Ich baute mein Zelt auf und wenig später tauchte alte Dame Nummer 2 auf. Was ich denn auf ihrem Grundstück zu suchen hätte. Ich beruhigte sie und erklärte ihr, dass die Dame von Gegenüber gemeint hätte … kurz und gut, nachdem ich versichert hatte, dass ich keine Spuren hinterlasse und am nächsten Morgen verschwunden sein werde, durfte ich bleiben. Und dann, am nächsten Morgen tauchte ein weiterer Nachbar auf. Ob ich nicht Lust auf eine warme Dusche und ein Frühstück hätte? Ich war überrascht und sagte natürlich nicht nein:

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Das sind Wayne und Betty Hann vor ihrem Sommerhaus.

Bei der Gelegenheit erfuhr ich, dass Dame Nunmer 1 und Nummer 2 Schwestern, aber verfeindet sind und schon seit Jahren nicht mehr miteinander redeten. Das Grundstück gehört aber Nummer 2. Und jetzt, einen Tag später und so früh, dass mir niemand das WLAN streitig machen und ich endlich Bilder hochladen konnte, hab ich Hunger und …. Fortsetzung folgt. Noch 500 km bis Saint John’s.

Kanada 2017 – 25.06.

Nun also bin ich bin auf Neufundland gelandet. Stürmisches Wikinger-Wetter empfängt mich hier, ich fahre ja auch den Viking-Trail, wie die Straße 430 heißt. Selbst schuld. Nee, also an Gegenwind mit Böen bis 68 km/h kann ich mich auch nach über 40.000 km Radreisen nicht erinnern.

Der letzte Bericht endete damit, dass ich auf die Fähre nach Blanc Sablon wartete, welche dann schließlich mit 14 Stunden Verspätung in Natashquan eintraf. Das Fahrrad (und noch zwei weitere) kam in einen Extra-Container, der in jedem Hafen als erstes abgeladen wurde, damit man ggf. das Rad zur freundlichen Verfügung hat. Das Schiff ist Versorgungschiff für all die kleinen Siedlungen an der Basse Cote Nord, also der Unteren Nordküste Quebecs. Dort siedeln die Innu, die wir auch als Innuit oder Eskimos kennen. Und so rau ist dort auch das Wetter. Irgendwie isländisch windig und kalt. Aber es gibt auch andere Siedlungen, wie Harrington Harbour, komplett englischspachig und ohne Straßen und Autos, stattdessen Quads und hölzerne Stehe. Oder La Tabatière, ganz französischprachig. Überall hielt die Fähre zwischen 2 und 4 Stunden, bis dort alles ab- und aufgeladen war. Zeit für einen Landgang. Am Ende in Blanc-Sablon summierte sich die Verspätung auf 23 Stunden, zum Glück, denn mit weniger wären wir mitten in der Nacht angekommen. So aber hatte ich gleich Anschluss an die Neufundlandfähre. Der Verladechef  sagte, sie sei „born in Germany“, und tatächlich, deutsche, schwedische und dänische, sogar finnische Hinweise über den Durchgängen entlarvten das Schiff als ehemalige Ostseefähre …

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Endlich – die Bella Degagnés

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Harrington Harbour – Anglican Church

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Harrington Harbour

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Harrington Harbour

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Holz gibt es da nicht, muss alles importiert werden.

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Harrington Harbour

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Harrington Harbour

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Harrington Harbour

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Harrington Harbour

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Hafenszene mit Quads

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Der Fahrrad-Container

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Die Bella Desgagnés

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La Tabatiere

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Mein erster Eisberg live

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Die MS Apollo im Vordergrund, mein Schiff nach Neufundland

Mir schwante dem Wetterbericht nach nicht Gutes, als ich in Saint Barbe ankam. Aber es tröpfelte nur ein wenig und der Wind war auch noch hinnehmbar. Ich hatte Hawkes Bay als ersten Zielpunkt gesetzt, etwa die Hälfte der 181 km Strecke bis zum Nationalpark Gros Morne, bei dem ich für den 25. einen Platz vorgebucht hatte.  Aber – wie angekündigt verschlechterte sich das Wetter planmäßig nach ca. 1 Stunde. D.h.  Regen und der Gegenwind nahmen deutlich zu. Es fuhr sich wie in einem Windkanal in dem man mit einem Feuerwehrschlauch vollgespritzt wird, ich fühlte mich nur noch nass und hatte steife Finger. Es dauerte genau 37 km bis mein Kampfesgeist angesichts von „Tuckers Cottages“ zusammenbrach und ich nur noch ins Trockene wollte. 115 $ kostete der Spaß einer eigenen Hütte mit Küche und Bad. Etwa 75 €.  Den Platz im Gros Morne National Park, den ich vorgebucht hatte, weil ich hörte, dass anlässlich des 150. Jahrestags Kanadas alles überfüllt wäre, musste ich jetzt telefonisch umbuchen. Und da ich außerhalb der Frist war, ihn bezahlen plus Zusatzgebühr dafür, dass ich einen Tag später den gleichen Platz haben wollte. Kam mir alles umständlich vor wie bei der Zentralen Zeltlatzverwaltung der DDR …. Und wenn der dann so leer ist wie der Platz, auf dem ich mich im Moment befinde, hätte ich mir das ganze Vorgebuche auch sparen können.

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Noch tröpfelt es nur

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Blick aus dem Fenster – Schauerschwaden am nächsten Morgen und 8°C

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Besser so als Mittelohrentzündung durch den kalten Wind


Ich bin gerade in River of Ponds. Heute früh noch erschreckten mich beim Blick aus dem Fenster  waagerecht dahin peitschende Schauerschwaden. Die ließen dann nach und es hörte rechtzeitig zum Start auf. Aber der strümische Wind blieb und bremste mich auf 11,6 km/h im Durchschnitt herunter. Mindestens wollte ich es bis zum für gestern geplanten Ziel schaffen.  Nach über zwei Stunden und erst 25 km versuchte ich es mal mit Trampen. Als erstes hielt ein PKW. Zu klein. Dann klopfte ich an ein parkendes Wohnmobil. Eine ältere Dame öffnete und bedauerte, dass sie  sich wegen des Sturmes auch nicht sich weitertrauten und hier abwarten wollten. Da nur 5-10 Autos innerhalb von 10 Minuten kamen, fuhr ich erst mal weiter. Dann, ein Truck (also so ein Pick-Up mit 4 Sitzen und hinten Ladefläche) hielt schlließlich, wortkarg hievte man mein Zeug hoch auf die Ladefläche, als wären sie sowas gewohnt, workarg blieb man in der Fahrerkabine. Zum Glück. Denn sprachlich kam ich mir vor wie in Bayer in Ostfriesland … (Vielleicht sind die Neufundländer ja wirklich die Ostfriesen Kanadas, wie wikipedia meint?). Nach 28 km war der „Spaß“ zuende, denn sie wollten abbiegen. Kurz und gut, das Wetter wurde freundicher und sonniger ohne dass der Wind nachließ, und nach einer Pizza in Hawkes Bay entschied ich strategisch, noch 16 km weiter zu fahren und landete genau hier in River of Ponds. Und … zu allem Unglück brach mir ein Gestängebogen des Zelts durch die Böen beim Aufbau …. Doppelt! Und ich hatte nur eine Reparaturhülse (dachte ich zumindest). Also, kurz und gut, der Eigentümer hier fand noch so etwas wie eine zweite Hülse und nach einigem Werkzeuggesuche und zusammen questchen ist nun alles wieder gut .., erst einmal.

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Reparaturergebnis.  Hat gehalten. Bis zum Schluss

Nachtrag: Auch am nächsten Tag lies der Wind nicht nach, im Gegenteil. Als dann auch noch Bewölkung aufzog, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal einen Pickup anzuhalten. Das klappte dann diesmal auf Anhieb. Der Fahrer fuhr mich sogar direkt bis zum Campingplatz.

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Als er dann weg war,  bemerkte ich später, dass mein teures Kabelschloss zwischen dem Kram auf seiner Ladefläche liegen geblieben war… Das wars dann damit. Wird wohl ein Neues fällig. Das Ersatzschloss, dass ich hier später kaufte, ist nicht wirklich berlintauglich.

Kanada 2017 21.06. Teil 2

…und weil auf ein Schiff zu warten keine besonders auf- oder anregende Beschäftigung ist, habe ich eben Natashquan erkundet. Sehr schön und sehr übersichtlich. 280 Einwohner. Viele Angehörige der First Nations. Verschiedenfarbige Holzhäuser. Ein „Café Échourie“ mit Kuturprogramm, am Strand gelegen, in dem ich eine Kleinigkeit aß. Ein älteres Ehepaar, dass das einzige Eiskcafé tapfer betreibt und das Warten auf das richtige bestellte Eis zu einer echten Geduldspobe werden lässt, während 3 Mütter mit jeweils mindestens  5 Kindern jedem Sprössling seine Spezialanfertigung zukommen lassen … Ein Supermarkt, eine Bank, eine Kirche, eine neue und die alte Schule (Museum, denn Gilles Vigneault, der angeblich bestbezahlte Sänger der Welt, hatte diese als Kind besucht). Und ein superschöner dünengesäumter Strand. Wenn nur das Wasser wärmer als 4°C wäre.  Und die Luft wärmer als 18°.

Ja und das Beste: Mein Herbergsbesitzer (dem die Story mit der verspäteten Fähre ja bekannt wurde), fragte mich, wo ich denn heute übernachten will, bis morgen früh um ( Uhr das Schiff endlich ankommt. Ich murmelte was von „à la plage“, daraufhin bot er mir an, doch auf dem Rasen hinter dem Haus zu zelten. Kostenlos.  Mit WLAN, Strom und Wasser. Für die erste Nacht musste ich noch 89 $ zahlen, mit Frühstück.

So, jetzt die Bilder. Die alten Scheunen heißen Le Galets, was eigentlich Kiesel heißt und ich nehme an, es sind ehemaliger Fischereischuppen.

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Café Échourie

 

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Café Échourie

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Le Galets

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Le Galets

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Teil der Alten Schule

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Alte Schule

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Kanada 2017 – 21.06.

Gestern Abend kam ich in Natashquan an. Das ist in Fahrradkilometern etwa die Hälfte der gesamten Strecke. Hier sollte heute um 13.30 Uhr mein Schiff nach Blanc-Sablon ankommen und um 15 Uhr abfahren. Tatsächlich ist die Ankunft jetzt für morgen früh 06.30 angekündigt. Das weiß ich erst seit einer halben Stunde (es ist jetzt 10 Uhr)   – vorher war das auf der Webseite nicht sichtbar.

Von Havre-Saint-Pierre aus hatte ich eine Etappe Gesellschaft. Dave aus Massachusetts, ein 72-jähiger pensionierter Notfallmedizinier und Oboist war zweiter Gast im Haus meines Gastgebers und auf dem Weg nach Labrador. Wir fuhren eine Etappe bis Baie Johan Beetz zusammen. Dort war es dann für ihn so anmutig, dass er enschtschied eine Woche dort zu bleiben und auf das nächste Schiff zu warten, statt mit mir gemeinsam das gleiche zu nehmen.

 

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Nicolas beim Gewächshausbau

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Dave aus Massachusets

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Kontraste: Walbrandreste und Fühjahrsblüten

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Blick vom heutigen Fenster aus

Also ich darf mich hier in der Pension vorerst aufhalten, muss nur mein Zimmer räumen. Am Nachmittag oder Abend werde ich dann umziehen. Natashquan ist ein Indianer- oder wie man hier sagt, First-Nations Ort, was ich spätestens beim Einkaufen gestern bemerkte, als ich lauter übergewichtige Indianermammies traf.

Das Wetter ist schön. Ich werde mich dann auf weitere Erkundigungen begeben.

Kanada 2017 – 18.06.

Ich in immer noch in Havre-Saint-Pierre. Denn bis zum Hafen Natashquan sind es nur noch 151 km, also 2 Tage und das Schiff hat wegen Eisbergdrift (!) bereits fast einen Tag Verspätung, was mich in die Lage bringt, dass ich auf Neufundland meinen für den 25.6. vorgebuchten Campingplatz nicht rechtzeitig erreichen kann und irgendwie umbuchen muss, wenn das noch geht. Aber vielleicht sehe ich mal meine ersten Eisberge…

Nach Sheldrake folgte ich weiter der Straße 138 gen Osten, sah mir die malerische Kirche von Rivière-au-Tonnere an,

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auch die von Magpie („Elster“)

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und beendete den Tag in Longue-Point-de-Mingan, denn dort teilen sich zwei Familien das Geschäft mit Whale-Watching und Inselexkursionen. Bucht man den Camping auch noch, gibt es 10% Rabatt für die Tour. Ich nahm angesichts von 8°C und Wind lieber eine Hütte für 50$… und brutzelte mir ein Abendessen mit Kabeljau und Reis. Am nächsten Morgen um 8 Uhr ging es los. Aufgeregt wiesen die Teilnehmer mal nach links und rechts .. „da … ein Wal“ … ich versuchte, ihn mit der Kamera zu erwischen, aber leider können die nicht mal einen Moment still halten! Und dann schwankt auch noch das Boot…

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Fast hätte ich den Wal noch erwischt …

 

Wir landeten dann auf de Ile Nue de Mingan, einem flachen Inselchen mit den sogenannten Monolithen. Statuen-ähnlichen Felsformationen aus Kalkgestein, die sich bei Zurückweichen des eiszeitlichen Schmelzwassers durch Erosion aus den Kalkablagerungen des Urmeeres gebildet hatten. Zum Glück hatte ich vorher die ARTE-Dokumentation, die ich als Datei auf meinem Notebook mitgenommen hatte, noch einmal gesehen. Denn die Nationalpakführer erklären alles nur auf französisch und fassten mir zuliebe manches nur stichpunktartig auf englisch zusammen. Einzelne Fossilienbabdrücke konnte ich selbst im Kalk sehen!

 

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Gefunden! Fossilabdruck, 450 Millionen Jahre alt.

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Dyas integrifolia

Dann ging es weiter auf die Leuchtturminsel Iles aux Perroqet. Sehr malerisch. Und natürlich heute elektronisch. Man kann sich dort ein Zimmer mieten, wenn man Zeit und Geld genug hat.

 

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 Einen Inselkapitän gibt es auch.

 

Und Brutkolonien von Papageitauchern und Lummen.

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Puffins (Papapeitaucher)

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Puffin (Papapeitaucher)

 

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Lummen (Petite Pinguin)

Gestern habe ich noch eine Exkursion von Havre-Saint-Pierre aus gemacht, in der Hoffnung auf mehr Wale, aber – Fehlanzeige.

 

Kanada 2017, 16.06.

Inzwischen bin ich in Havre-Saint-Pierre angekommen, im Haus von Nicolas Carbonneau (warmshowers Gastgeber), der so etwas wie ein Wildhüter (und ehemaliger Polizist) ist.

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Nicolas Carbonneau beim Bau eines Gewächshauses

Was ist nach Sept-Iles passiert? Als ich losfuhr war ich noch voller Bedenken, denn der Wind hatte von West nach Nord gedreht und wurde somit von Rücken- zu Seitenwind, dafür aber schwächer und später ganz nachlassend. Garniert mit immer öfter herabprasselnden Schauern, denen meine Regenkleidung so leidlich gewachsen war. Nach 88 km gab es als erstes Zeichen der Zivilisation, die Naturparkinfohütte an den Manitou-Fällen. Geschlossen. Ein Aushang an der Tür mit vielen Telefonnummern an einem Ort ohne Handynetz und ohne öffentliches Telefon. Rettungsdienste, Verwaltung usw. Ich musste den Kopf schütteln. Die Abwesenheitheit einer offiziellen Aufsicht ersparte mir aber auch 3 $ Eintritt. Und so bestaunte ich die tosenden Fälle kostenfrei. Theoretisch hätte ich da zelten können, aber an diesem feuchtkalten  Tag war mir mehr nach einer Herberge. Also weiter nach Sheldrake, zur „Gite Chez Jean“, von der ich in einem Blog gelesen hatte. Nach 122 km traf ich dort abends ein. Ich klingelte. Nichts tat sich. Aber Licht brannte. Da muss doch jemand sein? Ich ging ums Haus herum. Ein Lautsprecher an einer Garage verströmte leise Musik . Ich rief. Nichts. Niemand. Ich ging zurück. Ein Auto hielt. Ist er das? Nein, nur ein neugieriger Nachbar, dessen Worten (malade, Québec) ich entnahm, dass da wohl seine Frau krank und er deswegen in Québec ist. Kurzentschlossen stellte ich frierend und mit den Böen kämpfend mein Zelt genau gegenüber vom Haus auf einem Rasenstreifen kurz vor dem Strand auf. Ich hatte Hunger, fror,  wollte nur noch in meinen Schlafsack und meine feuchten Sachen ausziehen. Ich kochte mir schnell ein Fertiggericht Marke „Knorr Sidekick“ und schlief schnell ein.

Fortsetzung folgt.

 

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Immer dem Regenbogen nach

 

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Zelten an der Kante

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Die Bucht von Sheldrake

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Blümchen gibts auch. Calypso bulbosa.

Kanada 2017, 13.06.

Seit gestern bin ich zu gast bei Edmond Michauld in Sept-Iles. Er ist kein „echter“ warmshower’s Gastgeber, sondern der Freund von einem, der mich gerade nicht beherbergen  kann. Über facebook kamen wir dann näher in Kontakt. Ich bin mal wieder überwältigt wegen der Gastfreundschaft. Konkret: Ich kann  mir nach demn Motto „help yourself“ alles aus dem Kühlschrank nehmen. Gestern bot er mir Elch- Ragout an und ich dachte, er will es für uns beide zubereiten. Aber nein, er hatte gar keine Zeit und meinte nur, ich könne mir das ja selbst machen, Gewürze fände ich im Schrank. Den Elch hatte er übrigens selbst geschossen. Er hat drei Töchter, die ältere ist 17 und nicht da, die 7-jährige flirtet dauernd mit mir, die jüngste ist 3 Jahre alt verschüchtert … langsam taut sie auf.

Es stürmt nach wie vor und ich finde es nicht schade Pause gemacht und gleich mal die Bremsen erneuert zu haben. Edmonds Hobby ist übrigens vom Schrott gerettete Fahrräder wieder aufzumöbeln, für sozial Schwache. Ansonsten arbeitet er in einem Hilfsprojekt für „men in distress“. Kollege sozusagen.

Und jetzt noch ein bisschen Sturm.

 

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Bucht von Sept-Iles

 

 

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Das muss jemand filmen

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…und Fischfangausrüstung  Hafen

 

Kanada 2017, 11.06.

Ich sitze mal wieder in einer Pension, denn der eingeplante Campingplatz (oder vielleicht war es auch eine Art Ferienlager) war geschlossen. Noch. Vermutlich. Ich bin in Port Cartier gelandet. Und das war nun wirklich der stürmischte Tag, den jemals auf einer Radreise erlebt habe. Auch in  den letzten Tagen blies mir der Wind ja schon munter von Westen in den Rücken. Aber heute, nach morgendlichen Schauern, folgte zwar Sonnenschein, unterbrochen aber von weiteren Schauerstaffeln mit starken Böen, die mich fast vom Fahrrad rissen und mich Zuflucht in einem überdachten Hauseingang suchen ließen. Der Weg führte erst nach Osten und dann nach Norden, rechtzeitig drehte der Wind auf Nordwest und prallte vom Wald auf meiner Seite ab, mir direkt entgegen. Die Gegend ist sehr waldreich und oft einsam, dann wieder wird die Straße 138 von Chalets in langen Reihen gesäumt. Der Strand, teils steinig, teils sandig, meist einsam, wird nur sichtbar, wenn es eine Lücke im Wald gibt oder ein Bach ins Meer mündet. Meer –  denn der Sankt-Lorenz-Strom ist schon lange kein Fluss mehr, inzwischen heißt er auch Golf, wobei ich mir geographisch nicht ganz sicher bin, wo genau der Übergang ist. Der Verkehr ist mäßig, ich zählte aus Spaß mal 10 Minuten lang alle Autos die mir begegneten, es waren 22. Aber oft drei bis sechs hintereinander (das Phänomen der Rudelbildung bei Autofahrern …). Ich bin jetzt in Québec pur! Englisch versteht man hier kaum noch und ich fühle mich aufgefordert, zu erklären „je ne parlez bien francais, je suis Allemand, so if you please speak English to me …“. Nun ja, es überascht mich immer wieder, wie wenig hier die andere Landessprache bekannt ist. Andererseits, in British Columbia spricht auch kaum jemand französisch. Nur betont dort niemand die englischen Wurzeln mit einer eigenen Flagge und einem Nation-Begriff wie in Québec. Kurz, ich habe immer noch nicht wirklich begriffen, wie das mit der kanadischen Nation wirklich funktioniert und warum.

Wie geht es mir mit den Herausforderungen der Strecke? Ich werde  ja weder jünger noch fitter. Sofern es nicht leicht geht, beiße ich mich mit stoischem Gleichmut durch. Das Wichtigste ist, dass ich das Tagesziel verinnerlicht habe. Dann schaffe ich es auch, meistens. Widrige Umstände führen aber zu Kompromissen. Ich frage mich allerdings, wie ich das in Neufundland mache, wenn der Wind so weiter bläst und mir dort womöglich entgegegen kommt. Vermutlich werde ich trampen. Die Leute hier fahren ja diese riesigen Pick-Ups …

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Die Fähre in Matane von meinem Fenster aus.

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Nach der Ankunft in Godbout am Nordufer des Sankt Lorenz

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Es geht erst mal mächtig hoch

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Mondaufgang über dem Sankt-Lorenz-Strom

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Der Wind fegt über das Wasser

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50.Breitengrad.  Die Natur ist aber hier schon subploar.

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Schokomilch im Windschutz

 

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Ebbe

 

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Mittagspause

 

 

 

 

 

Kanada 2017, 07.06 – 08.06.

Es ist gar nicht so einfach sich abends noch zum Schreiben aufzuraffen, aber da ich heute wegen des noch geschlossenen Campingplatzes in eine Pension ausgewichen bin, gibt es jetzt keine Ausrede mehr. Ich weiß, ich laufe Gefahr als Kulturbanause da zu stehen,. aber ich habe auch Québec City dieses mal nur kurz zwecks Übernachtung „gestreift“. Ich wollte endlich losfahren. Und schon beglückte mich der erste Tag mit heftigem Gegenwind, grauer Schauerbewölkung und 15°. Dadurch schaffte ich es nur bis L’islet Sur Mer. Am nächsten Tag schien zwar die Sonne, aber dafür war der Gegenwind noch heftiger. Ich hatte einen Durchschnitt von 12 km/h auf dem Tacho und es fühlte sich an wie dauernd bergauf fahren. Infolge dessen  schaffte ich es nicht bis zu meinem warmshowers’s Gastgeber Jean-Pierre (der aber sowieso als Arzt gerade Bereitschaftsdienst in der Klinik hatte). Ich blieb 23 km vor dem Ziel an einem süßen Campinglätzchen sozusagen auf der Strecke. Ich rief Jean-Pierre an und wir verabredeten aber, dass ich dann heute mit seiner Freundin einen Kaffee trinken kann, wenn ich bei ihnen vorbei fahre, was ich auch tat.

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Anik, Jean-Pierres Freundin

Wir kannten uns ja schon von 2015. Und da beide mit den Kindern und  2 Tandems ins Baltikum fliegen wollen, konnte ich gleich noch Tipps loswerden. Der Wind wehte heute mit der gleichen Stärke, aber zum Ausgleich von hinten. So flog ich mit Leichtigkeit und manchmal mit 26 km/h dahin. Es wurde mit ca. 24° auch deutlich wärmer. Überall blüht der Löwenzahn in Massen, ebenso Flieder und Vergissmeinnicht, es ist alles 4 Wochen zurück, vergleichsweise.

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Das Rad im heftigen Wind

Dann bin ich mit diesem Wind im Rücken 112 km gefahren, weil ich den Zeltplatz von St. Fabien (den ich noch kannte) ansteuern wollte. Als ich dann gegen 19 Uhr ankam, war er geschlossen: „Wir sehen uns im Sommer 2017“! Ich stutzte. Achso, hier ist ja noch Frühling, schreibe ich heute (schon einen Abend später), bei 28°C  und unter einem Moskitonetz als Schutz gegen die lästigen beißenden Blackflies. Also der Platz war noch geschlossen. Zwar konnte ich mich nicht bremsen, ein Klo aufzuhebeln und Wasser gab es auch, aber keinen Strom und keine Dusche. No power, no shower. Und ich will ja hier was schreiben, dazu muss ich das Notebook immer wieder aufladen … Also, was gibts noch in dem Dorf? Google empfahl eine Hotelchen namens „The dreams and vigils..“, aber das befand sich auch noch im Winterschlaf. Ich sprach eine Dame an, die mir mit ausgezeichnetem  Englisch (das ist hier in Québec nicht selbstverständlich) La Maison l’Irlandaise empfahl – Volltreffer. Ein freundlicher junger Mann vermietete mir für 49 $ ein Zimmer mit Frühstück! So günstig hatte ich das bislang noch nie in Kanada. Das sind 35 €. Zum Frühstück gab es dann Obst, Muffins, herzhafte oder süße Pfannkuchen und Kaffee. Da mein Blutzuckerspiegel so niedrig wie noch nie war, sündigte ich munter. Aber wie nun heute weiter?
Zur Auswahl stand 126 km nach Matane in einem Ritt durchfahren, oder das Stück in zwei Teile teilen. Das Problem ist, dass die Fähre zum anderen Ufer nur einmal täglich und zwar morgens um 7, um 8  (Sa) oder um 9 (So) fährt. Ich muss also vorher in Matane übernachten. Und nicht verschlafen! Ich entschied mich für die Variante Teilung, aber sehr ungleich. Schon nach 10 km bog ich in den Provinzpark Bic ein. (Die Québecer nennen ihn natürlich Nationalpark, was verwirrend ist, weil es kein „echter“ Nationalpark ist, sonder nur ein Nationalpark der „Nation Québec“ und mein kostenloser Kanada-Jubiläumspass hier nicht gilt.) Vive la Québec! Wie auch immer, 8,60 $ für’s Zelten plus noch mal dasselbe für den Eintritt, gebongt. Also wurde dieser Tag ein Wandertag. Mit Rad natürlich, denn das Gelände ist gut erschlossen. Es soll hier eine seltene Robbenart geben und diverse Vögel wie die Eiderente. Leider war davon nichts zu sehen. Aber ich besuchte zu Fuß bei Ebbe die Ile d’Amour, die weiter entfernt liegende Ile Massacre und die Ile Brûle ließ ich aus… Ich erkundete einige Buchten und ein Informationszentrum und jetzt gibt es ein paar Bilder:

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Parc du Bic

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Wie heißt die Blume?

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Im Parc du Bic

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Informationszentrum in der alten Scheune

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Meine Villa

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Der einzig wirksame Schutz gegen Blackflies

Kanada 2017 

04.06. 2017 Die ersten Tage

Nach einem ruhigen Flug traf ich vorgestern in Montreal überpünktlich mittags ein und bekam nach kurzem Warten mein Gepäck unbeschädigt in die Hände. Nach einer Stunde hatte ich soweit alles wieder geordnet, also das Fahrrad abfahrbereit zusammengesetzt und mit den Fahrradaschen bestückt. Ich versuchte, meine Gastgeberin Jackie über Skype und das WiFi im Flughafen zu erreichen, aber es klappte nicht. Also erst mal zu La Source, den Laden der SIM Karten der verschiedenen Gesellschaften anbietet. Ich hatte mich, nach gründlichen Recherchen in Vorab schon für Bell entschieden, aber der Angestellte fühlte sich außer Stande, mir genau DAS zu verkaufen, was ich brauchte und empfahl mir den anderen Laden in nächsten Einkaufszentum ein paar Kilometer weiter. (In Kanada kann ich sowas leider nicht über das Internet im Vorfeld bestellen und bezahlen, da keine Gesellschaft ausländische Kreditkarten akzeptiert, wenn ich nicht persönlich vor einem Händler stehe und sofort bezahlen kann.) So bleiben nur diverse Prepaid Angebote, mit unterschiedlich umfangreichen Daten Add-On’s. Ich besaß ein ausgedrucktes Chatprotokoll, in dem mir eine Miss Emily von Bell erklärte, was mir zusteht, nämlich 5 GB Daten für 50 $ (angeblich). So, nun die Jungs in nächsten Bell vertreibenden La Source-Store staunten mich wie ein Alien und fingen völlig uninformiert an, erst einmal im Internet zu recherchieren. Es kostete mich Einiges an  Anstrengung ruhig abzuwarten. Mein Chatlog – hier steht die Lösung, Jungs – schien sie nicht zu überzeugen. Nach einer halben Stunde hatte ich endlich die SIM Karte, aber nur mit 2 GB Daten add-on, für einen Monat. (Nun ja, der SMS von Bell zufolge gilt das Ganze bis 2018 …) Das alles für 86 $ (z.Zt. etwa 56 €).
Also auf zu Jackie, d.h. 17 km mit dem Rad durch ein wirres Geflecht von Nebenstraßen (der einzige gerade Weg in die Stadt ist eine Autobahn und für Fahrräder nicht zugelassen).  Ich hatte mir den Weg vorher im Navi einprogrammiert und von daher kaum Orientierungsprobleme, teilweise aber schrecklich schlechte schlaglöchrichge Straßen, die volle Konzentration erforderten. So schlimm hatte ich es von 2015 nicht in Erinnerung. Endlich, gegen 17 Uhr war ich am Ziel. Geschafft und K.O. Jackie hatte wieder einen Siebten Sinn und kam genau im richtigen Moment die Treppe herunter. Jetzt alles, einchließlich Rad, in den 2. Stock über eine enge, gewundene Treppe hinauf schleppen. Und nicht gleich Schlafen gehen, davon wird js abgeraten nach Transatlantikflügen gen Westen, dann klappt es mit der Umstellung schneller.  Jackie lud mich zum Essen ein, anschließend zeigte ich ihr noch meine Skandinavien-Bilder und um 21 Uhr konnte ich nicht mehr …

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Hier geht es hinauf zu Jackie

Am nächsten Tag musste ich meine Ausrüstung vervollständigen, denn Gaskartouchen für den Kocher darf ich nicht im Flieger mitnehmen. Und Bärenabwehrspray gibt es sowieso nur in Kanada. Also los zum Ausstatter MEC, 12 km quer durch die Stadt. Mein Navi  leitete mich prompt über den Mont Real statt drum herum und oben quer durch die Kathedrale aus Beton.

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Ich ignorierte die Aufforderung und ging lieber zu Fuß hinein.

Zum Glück ging es anschließend bergab!
Jackie war an diesem Tag mit ihrem Freund in den Bergen und kam erst am nächsten Morgen. So hatte ich Montreal für mich, da ich aber durch den Jetlag übermüdet war, beschränkte sich meine Neugierde auf Downtown.

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Blick von Jackies Balkon

 

 

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Downtown Montreal

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Montreal ist eine Multikultimischung. Die Gegend um die Rue St.Catharine erinnerte mich an Manhattan rund um Greenwich Village, aber auch an Straßen in Kreuzberg. Unzählige kleine Läden, Cafes und Restaurants. Daneben gleich Luxusausstatter, Massagesalons und die üblichen Kettenläden in friedlichem Nebeneinander.

Soweit für heute.