Kanada 2017 – 08.07.

Es ist gar nicht so einfach Neufundlands Form zu beschreiben: Eigentlich sieht es von oben aus, als wenn jemand versucht hat, Tapete von einere Wand zu reißen und da ist dann doch ein Rest hängen geblieben. Ein Fetzen so groß wie die DDR. 108.000 km im Quadrat. Angefangen habe ich auf dem linken oberen Fetzenteil, der nördlichen Halbinsel und im Moment befinde ich mich in Bellevue, auf dem schmalen Steg zur Halbinsel Avalon rechts unten, auf der das Hauptstädtchen Saint John’s liegt. Da will ich ja hin und wieder nach Hause fliegen. Es sind noch 114 km und ich versuche ein erstes Resumé.

Ich bin ja seit Deer Lake sozusagen auf der Autobahn unterwegs. Allerdings wird die erst am Ende 4 – spurig. Der TCH (Trans Canadian Highway) durchquert in Schlangenlinien den Hauptfetzen. Kein Chance zu glauben, „ah der Wind kommt von Südwesten und ich will ja nach Osten, also prima!“, denn genau dann treibt dich die Straße gnadenlos nach Süden! Und so erging es mir dieses Mal. Wind ist dann nicht einfach ein schwaches Lüftchen, sondern er bläst mir mit 25 km/h entgegen und bauscht sich immer wieder zu Böen mit bis zu 60 km/h auf! Da hungere ich jeder Kurve entgegen, die ein wenig weg aus der Windrichtung führt. Und dann immer wieder Steigungen! Fjordartig drängt der Atlantik immer wieder dem Highway entgegen, da geht es dann nur noch entweder hoch oder runter. Wie in Norwegen. Oh, ein See? Denkste, das ist das Meer. Und der Highway wird, auch wenn es mal flacher wird, schnell zu einer Schneise, einer Art Windkanal, der begierig den Wind bündelt, denn es ist nicht einfach nur eine Straße durch endlose Wälder. Es ist wie ein Schlucht, durch die Landschaft gefräst, links und rechts ist  die Vegetation 20 m breit kurz gehalten, dann kommt die Straße, jeweils mit, wie schön, einem 1 m breiten Seitenstreifen für uns Radfahrer, von denen ich so gut wie der einzige zu sein scheine. Immer wieder von hupenden Autos aufgemuntert. „Hey, ein Radfahrer,. wow! Tüüt, tüüt, tüüt!“  Ja, und dann ständige Wetterkontraste.

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Der Exploits-River nahe Grand Falls Windsor

Da freue ich mich über mehrere Tage Sonnenschein laiut Vorhersage und höchstens 20% – also kein – Regen, und endlich mal sommerliche Temperaturen (28°C!!), prompt ändert sich über Nacht alles und kaum habe ich Grand Falls Windsor verlassen, der erste Ort, zu dem ich mal eine halbe Etappe lang richtig geilen Rückenwind hatte, sehe ich schon graue Wolkenbahnen auf mich zukommen. Es erwischt mich gnadenlos. Anfangs noch von hinten, dann, als ich, um dem Highway zu entkommen, nach Norris Arm abgebogen bin, kam eine eiskalte Böe von Norden, passend zu meiner Fahrtrichtung an diesem Tag – Nordosten – und die Temperatur stürzte von 22 Grad am Morgen auf 8 Grad am frühen Nachmittag. Und keine Chance auf einen wärmenden Kaffee in diesem Kaff, nur einfältige Läden mit dummen Verkäufern… Ich bin sauer und zwinge mich weiter nach Notre Dame Junction, da gibt es einen Provincial Park mit Camping. Hoffentlich haben die auch Hütten, denke ich und tippe beim Empfang auf der Preisliste auf „Chalet“. Der uniformierte Provinzparkbeamte scheint das eigene Angebot nicht zu kennen und meint dann, nee, die sind nicht eingerichtet, das dürfe er mir nicht verkaufen. Ich stehe missmutig und bis auf die Haut  durchnässt vor ihm, wenigstens gibt er mir einen Platz gleich neben der Laundry und ich werfe als erstes meinen sämtlichen nassen Sachen in den Münztrockner … (zum Glück hatte es auch aufgehört zu regnen).

Als wäre nichs geschehen ist es am nächsten Tag wieder heiter, wenn auch kühl. Mir egal. Ich schwitze bergauf sowieso und der Wind ist an dem Tag mal gnädig und schwächelt von hinten und der Seite. Ich durchquere Gander. Und versuche per SMS mit Bild meinen Freund Martin Gander zu grüßen. Klappt aber nicht.

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DDR-Bürger erinnern sich vielleicht, dass das der Zwischenlandeplatz für die Interflug auf dem Weg nach Kuba war, den so mancher zur Flucht benutzte. Interessante Geschichten, wenn man danach googelt, wie die Stasi-Aufpasser versuchten, die Weitereiseunwilligen wieder einzufangen, verfolgt von der kanadischen Polizei, die genau das zu verhindern versuchte … Inzwischen ist dieses ehemalige internationale Luftdrehkreuz nur noch ein kleiner Provinzflughafen mit Luftverkehrsmuseum, auf dem, während ich dort entlang fuhr, ganze 3 Maschinen starteten bzw. landeten. Ich beschloss, noch bis Gambo zu fahren. Man fährt und fährt und lange sieht es immer gleich aus. Wald, Wald, Wald, See, Teich, Wald, Hügel, Hügel. Hügel … Als hätte jemand einen langen Tunnel mit immer der gleichen Tapete tapeziert…

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Zur Abwechslung immer mal ein rauschender Bach

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Noch 500 km bis Saint John’s

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Wie lieb ich doch diese Rumble-Strips …

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Eine See! Nein, das Meer.

Aber dann – ein grandioser Ausblick auf die Freshwater-Bay, den Fjord von Gambo.

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Da unten, die Freshwater Bay mit Gambo. 5 km weiter links hinter der Canpingplatz.

Über die einzelnen Orte gibt es wenig zu sagen, weil sie irgendwie alle gleich aussehen, ohne stadtplanerisch architektonischen Highlights wie man sie aus unseren europäischen Kulturlandschaften kennt. Alles „irgendwie“ hingestellt. Holzhäuser aus dem Baukasten, plastikverkleidet und wärmegedämmt. Man heizt hauptsächlich elektrisch. Strom ist billig, 5 Cent pro kW/h.

Von Gambo aus bin ich versuchsweise mal ein Stück den Trail ( den T’Rail) gefahren. Das ist die ehemalige Eisenbahnstrecke, die aufgegeben werden musste, als der TCH 1988 fertig war. Der Trail ist wiederum ein Teil des Transcanada Trails, der stolz präsentiert wird als DER Weg für Radfahrer und Wanderer quer durch das Land. Aber bis auf ein paar Teile in Großstadtnähe ist er nichts als Symbolpolitik. Geschottert und voller Pfützen. Ich sah meinen ersten Bären aus 200 m Entfernung auf dieser Reise und klingelte und sang laut fortan… Ich war dann froh, nach 6 km km die Straße wieder unter mir zu haben:

 

Als nächstes stand der Nationalpark Terra Nova auf dem Plan bzw. der Landkarte. Ich überlegte, ob ich dort einen Tag Rast mache oder weiter fahre, denn heute, als ich das hier alles schreibe, würde es einen Regentag geben und ich beschloss dann bei einem Vanilleeis in einer Raststätte, lieber so weit wie möglich zu fahren. Gut gesagt, denn ab jetzt gab es erstens wieder Gegenwind, zweitens eine unendlich lange (40 km!) Baustelle, bei der die Seitenstreifen mal eben 40 cm tief weggfräst waren, das ganze bei zunehmendem Verkehr, und drittens gab es längere und steilere Anstiege. Ich war zunehmend frustriert. Und beschloss wieder zu trampen. Postierte mich an die Ausfahrt des Terra Nova Campings Newman Sound und nöltigte quasi mit hilfloser Freundlichkeit, ein Ehepaar mit Kindern, mich mit ihrem Truck mitzunehmen. „Nur 20 km, wir wollen nach Sandy Beach“. Es waren dann 9. Okay, immerhin. Gestern habe ich das noch mal versucht. Bisher hatte es ja immer schnell geklappt, Arm raushalten und schon hielt einer. Und sei es aus Neugierde, denn er hatte gar keinen Platz. Aber diesmal ignoirierten mich alle. Zu viel Verkehr, da schiebt das einer auf den anderen oder was auch immer die Gründe sein mochten. An der nächsten Raststätte änderte ich die Taktik und sprach ein Ehepaar direkt an. Das klappte, aber wohl mehr weil Kanadier schlecht Nein sagen können, denn es waren sehr schweigsame 27 km bis zu Jacks Pond, einem Campingplatz. Ich wollte aber nicht einen ganzen Tag ohne WLAN in meinem Zelt eingeperrt wegen des Regens liegen und Hütten hatten sie nicht. Nun gut, weitere 17 km schaffte ich dann auch allein, und nun bin ich hier in diese Hütte:

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Wie heißen die denn nur?

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Am Abend vor dem Regen

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Bei Grand Falls. Nicht schon wieder!

 

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