Nordwärts durch Norwegen

Norwegen war so ein Ziel, über das ich lange nachgedacht habe. Aber weil ich erstens Angst vor zu hohen Kosten in diesem zweitteuersten Land Europas hatte und zweitens in meiner Vorstellung die Steigungen an der Küste gewaltiger waren als es der Fall ist, habe ich eine Tour an der Westküste entlang nie ernsthaft geplant. Aber unbekannt war mir Norwegen nicht, 1998 fuhr ich auf der Finnland-Tour mit einer Freundin ca. 5 Etappen durch die norwegische Tundra und 2009 startete ich von Oslo aus nach Nordosten, um möglichst schnell (weil zu teuer!) nach Schweden zu kommen und dann südwärts Richtung Heimat zu fahren. Aber wenigstens Oslo wollte ich gesehen haben. Alles siehe https://cyclingtraveller.com/2021/12/27/radreisen-vor-2015/
Ich plante also eine Streckenführung, zuerst nur bis Narvik, aber das war mir dann doch zu kurz.

Warum nicht bis zum Nordkap? Ich habe es nicht so mit symbolischen Zielen, zu denen die meisten hinwollen, die aber genau genommen nur mäßig attraktiv sind und zu oft im Nebel liegen.
Ich hatte auch nur einen knappen Monat Zeit und kalkulierte wegen der Steigungen kürzere Etappenlängen pro Tag. Trondheim (per Direktflug zu erreichen) bis Tromsø erschien mir daher angemessen und machbar und enthielt alle landschaftlichen Attraktionen, die sich später nur wiederholen würden. Und ich kenne die Gefahr der Übersättigung…
Alle folgenden Schilderungen sind subjektives Erleben und wenn, dann nur kurzfristig von allgemeiner Gültigkeit, es sei denn, es handelt sich um historische Fakten. Wenn Sie also Lust haben, mir durch dieses unglaublich schöne Land zu folgen, lesen Sie einfach weiter.
Hier zunächst eine Übersicht über die gesamte Strecke:

https://www.komoot.de/tour/834509549/zoom

Am 09.Juni 2022 ging es los. Dieser Tag 1 war nur ein halber Tag, denn mein Direktflug nach Trondheim startete erst um 13 Uhr von Berlin. Meine Freundin Beate half mir dabei, die Ortlieb-Packtaschen in meine neue ‚Frilufts Cargo‘ Tasche und das Fahrrad in meine neue ‚Swiss Tranzbag‘ zu packen.


Zwei Stunden später landete ich in Trondheim, packte alle Sachen wieder neu zusammen, machte mein Fahrrad fahrbereit und fuhr 36 km und 509 Höhenmeter zu meiner AirBnB-Gastgeberin in die Außenbezirke von Trondheim. Mit voll beladenem Fahrrad war das bei schönem Wetter meine erste Herausforderung als Flachland-Berliner. Ich brauchte bis zum Abend, um dort schwitzend anzukommen. Mein Zimmerchen war nicht viel größer als das Bett selbst, so dass ich meine Taschen im Flur davor abstellen musste. Die Küche konnte ich ganz selbstverständlich mitbenutzen. So etwas freut mich immer. Vom Balkon aus hatte ich einen weiten Blick über Stadt und Fjord.

Blick über Trondheim

Tag 2 und 3. Ich startete zeitig. Natürlich musste ich als erstes die berühmte Nidas-Kathedrale besuchen. Sie ist eine imposante Mischung aus wenigen mittelalterlichen Überresten aus früher Zeit der Christianisierung der Norweger und viel industrieller Neugotik aus dem 19. Jahrhundert. Denn sie war lange dem Verfall preisgegeben. Fertiggestellt wurde sie erst 1925. Auf mich wirkte alles sehr imposant, aber auch viel zu perfekt, kalt und starr. Trotzdem fotografierte ich ausgiebig.


Ich machte danach noch einige Schlenker durch die hübsche Stadt, und versuchte noch die Schnellfähre nach Vanvikan auf der anderen Seite des Fjords zu erwischen. Ich staunte nicht schlecht, ein Aushang wies auf einen Ersatzverkehr mit Bussen hin! Habe ich das hier gerade richtig verstanden? Bus-Ersatzverkehr über den Fjord??? Sind wir hier bei der Berliner S-Bahn? Ich fragte Angestellte der Fähre, die zum Glück auftauchte, was passiert sei und erfuhr, sie hätten eine schlaflose Nacht gehabt, weil etwas mit der Maschine nicht in Ordnung wäre und sie es nicht reparieren konnten. Und ja, ein Bus brachte mich mit meinem Fahrrad und allen Packtaschen nach Flakk, 15 km westlich, wo eine andere Fähre den Fjord überquert. Und ein weiterer Bus dann die Passagiere auf der anderen Seite nach Vanvikan. Dieser Busfahrer war sehr entgegenkommend und bot mir an, mich anschließend noch einige Kilometer bergauf mitzunehmen, nachdem die anderen Fahrgäste den Bus verlassen hatten. Was für ein Service! Das ersparte mir mehr als 100 m Steigung. Ich fragte ihn am Ziel nach etwa 8 km, ob er dort wohne. Nein, er müsse nur seinen Bus am Haus seines Besitzers übergeben. Ich fuhr jetzt wie geplant nordwärts über die Hügel bis Åfjord. Als ich dort begann, mein neues Zelt auf dem Campingplatz aufzubauen, fing es plötzlich an, heftig zu regnen! Alles wurde nass, das Innenzelt und einige meiner Sachen, weil ich noch nicht fit mit dem Aufbauen war, und immer nervöser wurde, denn dieses neue Zelt hatte ich nur einmal zuhause im Wohnzimmer getestet. Da machte ich erst einmal alles falsch, was man falsch machen kann. Typisch ich! Jedenfalls konnte ich dann alle nassen Sachen im Küchengebäude zum Trocknen aufhängen. Die ganze Nacht über gab es heftige Schauer.
Nachdem ich am späten Vormittag das Zelt getrocknet und noch Lebensmittel eingekauft hatte, startete ich zu meiner 3. Etappe, 63 km bis Osen. Nicht viel, aber durch lange Steigungen mit bis zu 10% fühlten sie sich wie 100 km zuhause im brandenburgischen Flachland an, aber mit Gegenwind. Keinerlei Dörfer, nur einzelne Gebäude, die ganze Zeit über, aber fast freundliches Wetter mit nur ein paar Regentropfen. Viel Wald und Seen, meist tief unten neben der Straße. Die Küste lag von hier aus noch weitab.


Tag 4. Meine bisher längste Etappe mit 81 km (und 720 Höhenmetern) von Osen nach Namsos. Es war den ganzen Tag nass, immer wieder mit Schauern und wenig Sonne. Die Landschaft war zwar wunderschön, aber ohne besondere Highlights, mit Hügeln Seen und Fjorden, die mich an Finnland oder auch an Ontario erinnerten. Kaum Orte oder Siedlungen. Wenig Verkehr bis zur Fv 17. Es wurde kälter, 12°C, aber ich schwitzte bergauf und fror bergab… Es war schwierig für mich zu entscheiden, was ich anziehen soll. Das Licht war nicht sehr einladend zum Fotografieren. Ich war mir nicht sicher, ob ich einen Tag länger hier auf dem Campingplatz Namsos bleiben sollte, um auf bessere Wetterbedingungen zu warten. Es war dort gemütlich mit kostenlosen warmen Duschen, einer sauberen und gut ausgestatteten Küche und einem großen warmen Speisesaal, alles für 200 NOK, 20 Euro. Ein Radreisender übernachtete dort einfach gleich auf dem Fußboden.


Tag 5. Auf Facebook berichtete ich: „Ich schaue aus dem Fenster der kleinen Hütte, die ich in Höfles gemietet habe und bin froh, im Warmen zu sitzen. Draußen ist Wikingerwetter, stürmische Böen mit eisigem Nieselregen. 555 NOK. 55 Euro. Von Namsos bis hierher waren es nur 61 km, aber einfach waren sie nicht, denn es ging mal wieder nur auf und ab. Zum Glück moderat. Zwischen den Orten gibt es so gut wie keine Infrastruktur. Als ein Parkplatz mit Toilette angezeigt wurde und ich diesen für meine Mittagspause nutzen wollte, hielt dort ein Wohnmobil. Gerade in dem Moment, als ich die Toilettentür öffnen wollte, um nachzusehen, ob ich dort unter dem einzigen Dach weit und breit Pause machen wollte. Dann sah ich, dass der Camper ein deutsches Nummernschild hatte und als die Frau die Autotür öffnete, fragte ich „was ist denn LDL?“ „Ludwigslust“, antwortete die Frau und fragte mich, ob ich vielleicht einen Kaffee möchte. „Oh ja, gerne“, sagte ich und dann lud sie mich zu ihrem Mann in den warmen Camper ein. Sie sagte, sie seien gestern schon an mir vorbeigefahren. Nach einer halben Stunde netter Unterhaltung fuhren sie weiter.“
Je weiter ich kam, desto feuchter und unfreundlicher wurde das Wetter, die Temperatur sank auf 10°C, gefühlt waren es höchstens 8°C. Leider blieb die Bilderbuchlandschaft fast völlig hinter Schauerwolken verborgen. Kurz vor Höfles musste ich mit der Fähre über den Fjord. Ein Schaffner kassierte 35 NOK. (Das war das einzige Mal, dass ich als Radfahrer auf einer Fähre etwas bezahlen musste.) Ich staunte über ein Schild, demzufolge batteriebetriebene Fahrzeuge (das Piktogramm zeigte auch Fahrräder) nicht transportiert würden. Ich wunderte mich angesichts der zu erwartenden hohen Zahl von Elektroautos, was das wohl mal werden soll…


Tag 6. Ich fuhr spät los, denn ich wartete bis nach 13 Uhr in meiner Hütte, dann erst hörte der Regen auf. In Kolvereid habe ich Verpflegung gekauft und in der Tankstelle schnell noch einen Kaffee getrunken. Langsam verlor ich durch das lange Tageslicht mein Zeitgefühl. Es gab ständig eine geschlossene Wolkendecke. Ich zwang mich den Gedanken aufzugeben, ich müsse zu einer bestimmten Zeit irgendwo ankommen wie in Deutschland, denn es wurde wird ja sowieso nicht mehr dunkel. Meine Route führte durch ein zerklüftetes Wald- und Seengebiet, teilweise entlang der Fjordküste. Immer in großen Windungen und entsprechend wechselnden Himmelsrichtungen entlang der malerischen Küstenroute bis zu einem einsamen Campingplatz mit Laden und Restaurant. Durch die tief hängenden Wolken bekam alles einen dramatischen Anstrich. Langsam gewöhnte ich mich an die vielen Steigungen. Zum ersten Mal ärgerten mich winzige, stechende Insekten, klein wie Obstfliegen, aber sie hinterließen zum Glück keine Quaddeln. Einfach nur lästig.


Tag 7. Wie immer in den letzten Tagen regnete es zunächst, aber pünktlich um 11 Uhr hörte es auf. So wie es die norwegische Wetter-App YR vorhersagte. Ein paar Wolkenfetzen schickten einen leichten Nieselregen über die Straße, aber bald bekam blauer Himmel die Oberhand und die Sonne schien. Jetzt begann die ‚Helgelandskusten‘, die als besondere landschaftliche Schönheit gilt. Der Kontrast zwischen riesigen Felsformationen und der Fjordküste mit Blick auf viele Inseln war beeindruckend. Dazwischen saftig grünes Weideland mit vielen bunten Wiesenblumen und dem alles dominierenden Giersch. Das war die bisher flachste Etappe. 70km bis zu einem Campingplatz nahe Brønnøysund, der einer schwerhörigen alten Dame gehörte, die mich um 23.30 Uhr aus der Küche vertrieb, wo ich am Tisch meinen Blog schrieb. Was dazu führte, dass ich meine Löffel dort vergaß…


Tag 8 war der bisher nasseste Regentag, mit wiederholtem mehr oder weniger intensivem Nieselregen. Weiter als 200 bis 300 m konnte man nicht blicken, alles dahinter blieb im Nieseldunst oder hinter Wolken verborgen. Zum Glück gab es 2 Fährüberfahrten, sodass ich mich auf den Fähren kurz trocknen und aufwärmen konnte. An einer der Fährstationen, an der ich am längsten warten musste, sah ich einige hundert Meter entfernt ein Café. Ich traf einen deutschen Motorradfahrer wieder, dem ich schon einmal begegnet war. Es stellte sich heraus, dass es sogar eine Kaffeerösterei war und dass er ebenfalls eine, in der Nähe von Berlin, betrieb. Was für ein Zufall. Sofort waren die Inhaberin und er in Fachgespräche verwickelt.
https://photos.google.com/photo/AF1QipM3IF6vRK2zm7meV_AJPz524ADmHldj_rfl2Mpj
Aber nach 20 Minuten mussten wir zurück zur Fähre, die jetzt einlief. Die letzten 25 km fuhr ich zusammen mit Andrzej aus Polen, den ich auf der Fähre kennenlernte und der mit seinem Rad auf dem Weg zum Nordkap war. Am Campingplatz trennten wir uns, denn er wollte irgendwo wild zelten. Da die Zeltwiese zu nass sei, überredete mich die Eigentümerin, doch lieber eine Hütte für umgerechnet 60 € zu mieten. Hier, in der Nähe von Sandnessjön, entschied ich, einen Tag Pause zu machen und hing als erstes meine Sachen zum Trocknen auf eine Leine. Eine Hütte ohne fließend Wasser, das man sich mit einem Kanister woanders holen musste, aber mit Herd und Kühlschrank.


Tag 9 war ein Ruhetag. Das bedeutet aber nicht, dass ich den ganzen Tag schlief oder nichts tat. Ich änderte meine Aktivität und machte einen weiteren schönen Ausflug, eine Art Rundreise, mit meinem fast unbeladenen Fahrrad (nur 1 Packtasche), beginnend und endend an meiner Hütte, 49 km und zwei Fährüberfahrten. Das Wetter versprach besser zu werden. Anfangs war es noch bewölkt. Ich fuhr nach dem Frühstück los und besichtigte nebenbei das an der Hauptstraße liegende Empfangsgebäude des winzigen Provinzflughafens, an dem es 5 Starts und Landungen pro Tag gibt. Nicht größer als ein Kleinstadtbahnhof. Überraschenderweise wurde das Wetter immer sonniger. Ich nahm in Sandnessjön die Fähre nach Bjørn, folgte der südlichen Inselstraße westwärts und hatte einen wunderbaren Blick auf all die Landschaftsschönheiten, die ich in den letzten Tagen verpasst hatte, da sie hinter Regenwolken versteckt verborgen waren . Das Wunder hier heißt „Seven Sisters“ (De syv søstre), sieben alpenartige, teils schneebedeckte Gipfelspitzen, nicht höher als 1250 m, aber aus verschiedenen Blickwinkeln sehr beeindruckend. Alle sind mit einem Wanderweg verbunden und sportliche Leute „machen“ alle Gipfel an einem Tag. Die Aussicht auf das Panorama von der Insel Herøy aus machte den Tag für mich zu dem bisher schönsten in Norwegen. Knapp über 20°C, fast sommerlich. Ein Obelisk in der Nähe der Straße erinnerte an den ersten protestantischen Bischof Norwegens, der hier geboren war.
Über eine Anhöhe und mehrere Windungen sowie zwei Brücken fand ich am späten Nachmittag zur Fähre am Herøyferjekai, die mich wieder aufs Festland zurück und in die Nähe des Campingplatzes brachte.
Ich wollte aus Kostengründen, und weil es ja nicht mehr regnete, in mein Zelt umziehen und fragte jetzt an der Rezeption nach. Denn ich hatte bei einem Rundgang am Morgen ein anderes Stück Rasen gesehen, trocken genug. Stattdessen bekam ich das Angebot, für den Preis einer Zeltstelle in der Hütte zu bleiben. 160 NOK statt 600. Guter Deal!


Tag 10 war ein kontrastreicher Tag, windig, bewölkt und höchstens 10 % Sonne, aber wieder kälter mit 12°C und nur ein paar Schauertropfen. Ich überquerte die imposante Helgelandbrücke, bestellte das erste Mal in Norwegen in einem Restaurant für 120 NOK eine viel zu große Pizza Hawaii, mittlere Größe. Zu groß, um sie zu schaffen, aber kleiner gab es keine. Hinter Nesna fuhr ich über den auf meiner Gesamtstrecke höchsten Pass von 335 m. Das klingt nach wenig, aber ich radle ja ungefähr von der Meereshöhe aus los und, da es steile Serpentinen waren, schob ich immer wieder, weil ich sonst zu langsam werde und die Spur nicht halte. Die Natur wurde subarktisch. Jenseits von 250 m ü.d.M. wachsen nur noch kleine Krüppelbirken. Es fühlte sich an wie in den Alpen auf 2000 m Höhe. Bergauf wurde ich wieder nass vom Schwitzen und bergab wieder kalt vom Fahrtwind, denn ich fuhr dann mit 50 km/h und mehr abwärts. 63 km/h war später auf der letzten Etappe meine Höchstgeschwindigkeit. An der Fähre von Nesna nach Levang hatte mir ein entgegen gekommener Radfahrer eine Stelle hinter der langen Steigung beschrieben, an der ein Niederländer ein Bed & Breakfast betriebe, wo man billig im Garten zelten könne. Erstens war das dann weiter entfernt als von ihm geschildert und zweitens der teuerste Zeltplatz bisher, nämlich 300 NOK, (ohne Breakfast) und nur, weil ich nach 82 bergigen Kilometern todmüde war, ließ ich mich darauf ein, dort im Windschatten dieses Hauses neben einem auf einem E-Bike reisenden Feuerwehrmann aus der Gegend von Münster zu zelten.


Tag 11. Ich verließ morgens bald den Garten des B&B-Besitzers. Beim Wildcampen, das in Norwegen erlaubt ist, ist es wirklich schwierig, einen brauchbaren Platz zu finden: Flach, ruhig und nicht nass. Alle nützlichen Stellen gehören jemandem und sind landwirtschaftlich genutzt oder Gärten. Und in den engen Fjordtälern geht es in der Nähe der Straße rechts steil bergauf und links steil bergab. Wenn nicht, dann wird der Platz sofort privat genutzt und gehört jemandem. Wäre ich allerdings mit meinem Kartenstudium etwas genauer gewesen, hätte ich einige Kilometer weiter einen schönen großen Parkplatz mit Tischen, Bänken und Trinkwasser führenden Bächen gefunden, an dem ich erlaubt (da es nicht als verboten ausgeschildert war) hätte ‚wild‘ zelten können. Den nutzte ich nun als Frühstücksraststätte und ärgerte mich… Später kann ich an einer Gedenkstelle des nazideutschen Atlantikwalls mit Geschützstellungen und einem Museum vorbei, das ich nach Besichtigung des Außenbereiches aber nur zum Kaffee trinken nutzte, denn es war wieder windig, bewölkt und kühl. Aber Plötzlich, und 20 km vor meinem geplanten Campingplatz, sah ich gegenüber der Insel Alda ein Schild, das auf einen nur 800 m entfernten Campingplatz mit einem Hotel usw. hinwies, der bei Google gar nicht angezeigt wurde. Ich hielt dort an, suchte nach einer Rezeption, fand aber nur einen Zettel mit Telefonnummer an der Tür eines Gebäudes mit der Aufschrift ‚Motell‘ . Skeptisch rief ich dort an und der Mann am anderen Ende der Leitung bot mir an, einfach irgendwo mein Zelt aufzuschlagen. Es kostete nichts. Eigentlich hätte man auch gar nicht geöffnet und deswegen auch keinen Tarif. Ich könnte auch eine Hütte haben und das Bad benutzen, aber die Küche sei nur für die Saisonarbeiter da. Ich entschied mich für das Zelten auf dem einzigen winzigen Rasenstück. Eigentlich diente die Anlage zurzeit wohl nur der Unterbringung von Arbeitern. Da es erst 16 Uhr war, machte ich eine kleine 2 – km – Wanderung und erkundete das Dorf in der Nähe. Dabei fiel mir ein relativ großes, aber offenbar nicht mehr genutztes Gebäude auf. So etwas macht mich immer neugierig und ich schlich mich um das Haus zum Eingang und bemerkte, dass die Tür zwar zu, aber nicht verschlossen war. Knarrend öffnete ich sie. Gras wuchs bereits auf den Stufen. Es roch etwas modrig. Die Räume des Erdgeschosses waren bis auf eine Art Lager und eine Werkstatt weitgehend leergeräumt, aber je höher ich stieg, desto vollständiger waren die Räume möbliert. Ich kam mir vor wie in einer Zeitkapsel. Es wirkte bizarr, gedeckte Kaffeetafeln zu sehen, Betten, die aussahen als hätte eben noch jemand darin geschlafen und vollständig ausgestattete Küchen mit Küchengeräten, die ebenfalls wirkten, als käme gleich jemand um zu kochen oder abzuwaschen, denn die Spülmaschine stand halb offen und ein Geschirrtuch lag lässig bereit! Natürlich gab es weder Wasser noch Strom. Ich fand ein Gästebuch mit dem letzten Eintrag von 2016. Ein altertümlicher PC, Bauart ca. 1995, stand bereit. Kaum Staub überall, aber die Luft ist in Norwegen sowieso ziemlich staubfrei. Kein Vandalismus wie in Deutschland! War das mal ein Altenheim oder eine Jugendherberge? Die Toilettenanlage im Keller sprach eher für Letzteres. Ein anderer Raum im Keller war bereits dick bemoost… Scary!


Als ich zum Camping zurückkam, hatte sich noch ein französisches Pärchen eingefunden und sich auf dem nur aber wirklich allerletzten Stück Wiese ihr Zelt aufgebaut. Wie die meisten reisenden Liebespaare waren sie mir gegenüber aber nicht besonders kontaktfreudig.
Die Landschaft allerdings war hinreißend schön, leider verdeckten tiefhängende Wolken die bizarren Felsspitzen der gegenüber liegenden Insel Alda mit ihrem fast 1000 m hohen Südgipfel.
Ich hoffte wieder auf mehr Sonne…


Tag 12: Wieder ein bewölkter Tag mit etwas Sonne am Abend. Ich habe endlich den Polarkreis überquert (mein zweites Mal nach 1998), aber jetzt auf einer Fähre.

Mitternachtslicht
Das Polarkreiszeichen

Ich passierte 3 Tunnel, einer war mein bisher längster mit 3200 m, diesen aber nicht aus eigener Kraft. Aufgrund von Wartungsarbeiten stoppte man mich an einer Sperre und wies mich an, zu warten. Ein Auto würde kommen und mich durch den Tunnel mitnehmen. Nach einigen Minuten Wartezeit kam eine Art Führungsfahrzeug, nicht viel größer als ein Kombi. Nein, das Gepäck brauche ich nicht abzunehmen und so hievten wir zu zweit das bepackte Rad aufrecht in den fast zu kleinen Laderaum! Im Tunnel wurde gerade die Beleuchtung erneuert.


Ich gelangte dann noch bis zur Insel Furøy. Wegen der Warnung vor heftigem Regen für den nächsten Tag beschloss ich, nicht weiter zu fahren und in der warmen Küche auf dem Furøy-Campingplatz zu bleiben, wo ich an diesen Blog schrieb .


Mein Tag 13 fand hauptsächlich im Zelt und in der viel zu kleinen Küche des Campingplatzes statt. Wegen des starken Regens fuhr ich nirgendwo hin. Dort traf ich ein Paar, dass bereits die gesamte Strecke von Südwestdeutschland aus zurückgelegt hatten. Auf zwei E-Bikes, mit einem Gepäckanhänger, bei dem gerade die Deichsel gebrochen war, die nun am nächsten Morgen früh schnell noch irgendwo geschweißt werden musste (Aluminium!) und einem altersschwachen Husky, der in einem Kinderanhänger sitzen durfte, denn er hatte Arthrose. Er zeigte sich so zahm, dass ich ihn schmunzelnd „das Gegenteil von einem Wachhund“ nannte. Ziel war, wie bei den meisten, das Nordkap. Es gesellte sich noch ein bretonisches Pärchen zur Radfahrergemeinschaft in der 8 m² – Küche…


Tag 14 begann zum Glück freundlich, und sonnig und sehr entspannt, denn die nächste zu erreichende Fähre legte erst um 14.30 Uhr in 30 km Entfernung ab. Alle anderen nordwärts radelnden Mitglieder unserer kleinen Gemeinschaft waren schneller als ich, entweder, weil sie jünger sind oder eben E-Bikes benutzten. Jedenfalls war ich trotzdem 50 Minuten vor Abfahrt der Fähre an der Fährstation. Dort trafen noch weitere Radler aus Deutschland und der Schweiz aufeinander und es gab ein nettes Beisammensein mit etlicher Fachsimpelei.


Nach der Ankunft der Fähre in Ørnes gingen alle wieder ihrer eigenen Wege und ich fand meinen ersten „automatischen“ Campingplatz überhaupt (Self-Check-in!), buchte und bezahlte über die Website. 200 NOK. 20 €.
Alles war supersauber mit einer großen Küche und zwei Herden, mehreren Tischen (z.B. zum Essen und Blog schreiben) damit ich mich moralisch wieder auf eine weitere Regennacht in meinem Zelt vorbereiten konnte … Und mit Kameraüberwachung … 😉 Ich fragte mich nur , wer das alles kontrolliert und sauber hält. In Deutschland undenkbar.

Tag 15. Am Morgen traf ich tatsächlich einen Mitarbeiter des ‚automatischen‘ Campingplatzes. Da es ein Deutscher war, war es leichter für mich, mich eine Weile zu unterhalten. Ob ich Verbesserungsvorschläge hätte, weil der Platz brandneu sei. Ich habe ihm ein paar Tipps gegeben, um für Ausländer die Benutzung des Check-Ins plausibler zu machen, denn am Vorabend fuhren zwei österreichische Familien mit ihren Campern unverrichteter Dinge weiter, weil sie das System nicht kapierten.

Da es inzwischen wieder aufgehört hatte zu regnen (das wievielte Mal schon?), konnte ich bei etwas Sonnenschein weiterfahren. Ich dachte, ich hätte recherchiert, dass es von Inndyr, dem nächsten Ort etwas abseits der Hauptstraße Fv 17 aus keine Fähre nach Bodø geben würde und stellte mich auf mindestens 80 km bis zum nächsten, überteuerten Campingplatz ein. Aber nahe der Abzweigung nach Inndyr habe ich nochmal genauer auf der ‚ReisNordland – App‘ nachgeschaut und siehe da, es fuhr doch eine Fähre, aber erst um 17:20 Uhr. Es war aber erst 11:30 Uhr, als ich in Inndyr ankam und ich hoffte, ein Café zum Verweilen zu finden, denn erstens wurde es wieder ziemlich kalt und sehr windig, zweitens fing es wieder an zu regnen. Das Einzige , was ich fand, war ein Coop-Supermarkt mit zwei Tischen und Stühlen, einem Glas Nescafé und einem Wasserkocher zur Selbstbedienung. Umsonst! Und Toiletten, die sind in Norwegens Supermärkten üblich, Tische, Stühle und Kaffee dagegen seltener. Ich fragte einen Mitarbeiter, ob ich hier auf die Fähre warten könne. Er bejahte, also besorgte ich mir ein paar Kleinigkeiten zu essen und trank einen Kaffee nach dem anderen… Es regnete draußen und so ich wurde ich wenigstens wurde ich nicht nass.



Nach 16 Uhr (4 Stunden) konnte ich diesen Blick aus dem Supermarktfenster nicht mehr ertragen und beschloss als der Regen aufhörte, zum Hafen zu fahren, weil mir langweilig wurde, und siehe da, die Fähre lag schon da und ich wurde gefragt, wo ich denn hinwolle. Bodø, sagte ich. Man signalisiert mir, doch an Bord zu gehen, und sobald ich auf dem Schiff war, legte es ab. Ich war verwirrt, es war noch viel zu früh! Aber das Rätsel war schnell gelöst, denn das Boot fuhr erst einmal zu drei anderen Häfen, dann wieder zurück nach Inndyr, und startete dann pünktlich zur richtigen Zeit nach Bodø. Sie haben mich sozusagen aus Spaß schon mal mitgenommen. Das Boot fuhr dann mit einer Schnellbootgeschwindigkeit von 60 km/h. Und abends saß ich in einem trockenen AirBnb – Zimmer, dem günstigsten das ich bekommen konnte, denn der Campingplatz von Bodø hatte offenbar Corona nicht überlebt und der einzige ‚warmshowers‘ – Host (Beherbergungsplattform für Radreisende) war rechtzeitig wieder aus dem Verzeichnis verschwunden. Der AirBnb-Gastgeber mit dem Vornamen Inge war etwas seltsam: Erst schreibt mir, er sei nicht da und ich solle einfach hineingehen und irgendwo sähe ich dann die Tür meines Zimmers. Auch solle ich meine Schuhe innen ausziehen. Dann kommt, kaum dass ich das Haus betreten hatte, ein Mann die Treppe herunter (ich erwartete eine Frau und musste später erst mal recherchieren, dass Inge in Skandinavien ein männlicher Vorname ist) und, kaum, dass ich die Zwischentür zwischen Vorflur und Innenflur öffnete, fährt er mich an, ob ich nicht wüsste, dass hier die Schuhe auszuziehen hätte? Dabei wollte ich mich nur erst mal kurz mit meinen Taschen in der Hand orientieren, wo mein Zimmer ist.
Die obere Etage sei tabu. Dann wollte er mich meine Fahrradtaschen nicht mit ins Zimmer nehmen lassen, weil die ja schmutzig sein MÜSSTEN! Nein, sind sie nicht, erwiderte ich und bestand darauf, sie mit hinein zu nehmen. Küchenbenutzung sei ausgeschlossen, die sei ja auch in der Leistungsbeschreibung gar nicht erwähnt und mehr könne man für den Preis (320 NOK) auch nicht erwarten. Als ich ihn dann fragte, ob ich vielleicht kochendes Wasser für Tee bekommen könnte, reagierte er missmutig und fragte, ob er hier jetzt der Kellner sei und brachte mir immerhin trotzdem ein Töpfchen heißes Wasser. Welch seltsames Exemplar norwegischer Gastfreundschaft mit misstrauischem Kontrollzwang, ansonsten eher unauffällig wirkend. Ich traute mich am Morgen nicht, ihn noch mal zu fragen oder mit meinem Kocher einfach heimlich Wasser heiß zu machen. Bloß weg hier!


Tag 16. Zuerst musste ich mir eine neue Regenhose kaufen, weil ich in meine andere ein großes Loch gerissen hatte, als ich beim Absteigen am Sattel hängen blieb. Ich hatte entsprechende Läden in einem Einkaufszentrum in zweieinhalb Kilometer Entfernung ausfindig gemacht. Die Überraschung war, dass Outfit nicht teurer ist als in Deutschland, sondern gleich oder sogar billiger im Gegensatz zu all dem anderen Zeug hier. Nachdem ich im ersten Geschäft keine passende fand (alle Hosen zu lang), empfahl mir die Verkäuferin die preiswertere Konkurrenz schräg gegenüber, wo ich eine aus dem Sale für 49€ bekam (etwas weniger zu lang). Eine Wasserdichtigkeit von 15000 mm sollte ausreichen Mein Zelt hat 4000 mm (Übrigens regnete es fortan nicht mehr!). Und die Fähre zu den Lofoten habe ich im letzten Moment um 11.00 Uhr noch erwischen können, sonst hätte ich drei Stunden im langweiligen Bodø herumlungern müssen. Die Überfahrt für die 96 km dauerte drei Stunden, Seegang war deutlich zu spüren und war ansonsten eher langweilig. Man konnte nämlich maximal 5 km weit sehen und als die Fähre in Moskenes auf den Lofoten ankam, fing es wieder an zu nieseln. Der Wetterbericht versprach immerhin Postkartenwetter, aber für die nächsten Tage!


Tag 17. Endlich war der Sommer da! Er startete noch etwas langsam, aber am Abend konnte ich 26°C messen. Nebelreste waberten mystisch über dem Fjord, verschwanden aber bald und hinterließen ihre Nässe als glitzernde Perlen in den Pflanzen ringsum. Und bald konnte ich selbst sehen und fühlen, was die Touristenwerbung versprach. Radeln durch eine Welt beeindruckender Postkartenmotive. Über den Fjord hinweg konnte man jetzt sogar das 100 km entfernte Festland erkennen! Unterwegs traf ich Michael aus Itzehoe vom Campingplatz in Moskenes wieder und wir beschlossen, zusammen zu fahren, bis wir einen sündhaft teuren Campingplatz (300 NOK/30 €) erreichten. Und ja, wir haben beide nach einem Platz zum Wildcampen gesucht, aber es war keiner zu finden oder es gab nur immer dann ein Schild: „No Camping“. Die Lofoten sind nämlich touristische Hochburg. Da will man offenbar nicht, dass die Touristen überall ihre Campingmobile aufbauen. Wir Radreisende haben dann natürlich das Nachsehen.


Tag 18 war der zweite Tag meines überraschenden arktischen Sommers und die Wettervorhersage sah auch stabil aus. Bis zu 28 °C. Bei so einem schnellen Temperaturwechsel fühle ich mich schneller erschöpft, als ich es normalerweise für mich empfinde. Heute fuhr ich nur 57 km und ich war fertig wie nach 100 km. Michael und ich hatten uns wieder getrennt, weil er ein höheres Grundtempo hatte und das fühlte sich für uns beide nicht gut an. Aber wir würden uns immer wieder unterwegs begegnen, denn ich bin an diesem ein gutes Stück weiter gefahren als er.


Tag 19 & 20. Am Abend konnte ich nichts schreiben, zu viele Fliegen schwirrten auf einmal um mich herum. Zum Glück keine Mücken. In einem Zeltrestaurant auf dem Campingplatz gab es Wal. Befremdlich für mich, ich aß lieber was anderes. Morgens besuchte ich die beeindruckende hölzerne Lofoten-Kathedrale in Kabelvåg und machte mich auf den Weg nach Norden, um die Fähre zur Insel Hanseløya zu erreichen. Und natürlich traf mich Michael an der Fähre wieder. Jetzt waren wir nicht mehr auf den Lofoten, sondern in der anschließenden Region Vesterålen. Der Campingplatz von Stokmarnes war etwas schwierig zu finden, aber es war der billigste in Norwegen bisher mit 100 NOK, (10 €) und alles war damit bezahlt, auch die warme Dusche. Und der Standard war ähnlich wie bei den anderen teureren Campingplätzen.


Ich besuchte zuerst das Hurtigruten Museum. Stokmarnes ist der Geburtsort der Hurtigruten, der norwegischen Schifffahrtslinie, die die Orte entlang der gesamten Küste von Bergen bis Kirkenes verbindet. Sie bauten hier ein komplettes Haus um das restaurierte Schiff „Finnmarken“, das nach seiner Ausmusterung hier durch eine Ausstellungshalle umbaut wurde. Man kann das Schiff von innen besichtigen, in der Kantine essen und auch den 1.Klasse – Salon aus der Zeit nach dem 1.Weltkrieg von der noch älteren Vorgänger – Finnmarken besichtigen. Dieser wurde originalgetreu nachgebaut.


Nach dem Museumsbesuch machte ich mich auf den Weg und es wurde richtig heiß! 31,4 °C, südlicher Rückenwind und drei große Brücken zum Überqueren, teilweise bei starkem Seitenwind von 35 km/h und nirgendwo ein Schatten. Die Landschaft war nicht mehr so schroff, die Berge mehr abgerundet und die Täter weiter, fast ebenenhaft.


Michael lotste mich zum Andøy Filuftscenter, das nicht ausdrücklich ein Campingplatz ist, aber Zeltplätze für 110 NOK anbietet. Das wäre dann der Zweitbilligste, den wir gefunden haben … Dafür trank ich für 100 NOK mit Blick auf den Fjord das bisher teuerste Bier, an das ich mich erinnern kann.

10 € Bier mit 5-Sterne Blick

Tag 21. Was für ein dramatischer Wetterumschwung. Gestern habe ich über 31 Grad und fehlenden Schatten gestöhnt (ich weiß, das war nichts im Vergleich zu den 37°C in Berlin). Zumindest für den Nachmittag war Regen angesagt. Also sind Michael und ich sehr früh und bald getrennt (weil er schneller fährt) aufgebrochen, um den Campingplatz bei Andenes vor dem erwarteten Regen zu erreichen. Nach einer warmen Nacht (Mitternachtssonne!) und einem warmen Morgen fielen die Temperaturen später wieder mal auf 12°C. Und es wurde sehr windig, zuerst böig aus verschiedenen Richtungen, dann direkt aus Südwest. Und zum Glück fast kein Regen. Am nächsten Morgen würden wir die Insel Andøya mit der Fähre zur Insel Senja verlassen. Die landschaftlich sehr reizvolle Route entlang des Nordufers wurde leider von ‚Statens Vegvesen‘ gesperrt, weil man ausgerechnet in der Ferienzeit begonnen hat, eine Galerie gegen Schlamm, Fels oder Eislawinen zu bauen. Svenja Langwich, die dort im vorigen Herbst entlanggefahren war, hatte mich freundlicherweise darauf aufmerksam gemacht. Dank durch Facebook begonnener persönlicher Verbindung. Glücklicherweise sollte dann der Umweg durch das Innere der Insel nur 18 km länger werden.
Dieser Campingplatz in Andenes hat einen großen Raum mit Sofas, Tischen und Stühlen, ist beheizt, mit einer Küche für alle im Nebenraum. Denn der Campingplatz selbst ist kahl, alles und jeder ist dem Wetter voll ausgesetzt.


Tag 22. Die Nacht in Andenes war stürmisch und bei diesen Bedingungen wurde ein Element meiner Zeltstange etwas verbogen, ist aber zum Glück nicht gebrochen. (Ich habe später erfolgreich Gewährleistung geltend gemacht.) Als ich um 8.30 Uhr losfahren wollte, um die Fähre zu erreichen, sah ich, dass mein Vorderrad die Hälfte seiner Luft verloren hatte. Abgelenkt von der Entdeckung stürzte ich gleich erst mal an einer Kante. Jetzt musste ich ganz schnell genug Luft nachpumpen, und raste dann mit dem Rad in irrem Tempo die 4 km bis zur Anlegestelle um die Fähre noch zu erreichen, schaffte es in letzter Sekunde mit hängender Zunge! (Und meine Oberschenkel brannten noch 2 Tage schmerzhaft vom Muskelkater.)
Gryllefjord auf der Insel Senja erreichten wir nach 2 Stunden (40 km). Einige jüngere Radler erzählten, sie hätten es gewagt, sich nachts an der Baustelle vorbei zu schleichen und die Sperrung der Panoramastraße zu ignorieren, aber Michael und ich, sowie offenbar auch andere, wollten das Risiko wegen der Gefahr, zurückgeschickt zu werden, nicht eingehen. Denn die Baustelle war etwa in der Mitte einer 96 k m langen Etappe. So ergab sich die Chance mit einem 18 km längeren Abstecher das touristisch weniger bekannte „innere Senja“ zu erkunden. Um Geld zu sparen, entschied ich mich für diese Nacht wild zu campen und fand eine schöne Wiese hinter Sträuchern mit vielen wilden Blumen, Wollgras und Hahnenfuß. Das Innere der Insel gleicht eher einem europäischen Mittelgebirge mit sanften Bergen und eisbedeckten Gipfeln in der Ferne. Ich machte Bratkartoffeln für mein Abendessen und bald war ich müde genug, um zu schlafen, die Augen mit einem Schlauchtuch bedeckt, weil es ja nicht dunkel wird.


Tag 23. Ich verließ morgens bald meine Blumenparadieswiese und machte mich auf den Weg zur nächsten Fähre nach Botnhamn. Unterwegs habe ich schließlich bei einem Joker-Supermarkt den Vorderradschlauch gewechselt, denn auch wenn er ca. einen Tag lang die Luft hielt, zweimal hatte ich ihn früher schon geflickt und ein Austausch war fällig. Hier war eine geeignete Stelle mit Tisch, Bank und Betonboden. Michael und später Alexandra Nachtigall aus Berlin auf dem Weg vom Nordkap tauchten auch an dieser Stelle hinter dem Supermarkt auf. Der einzige im Umkreis von 30 km. Der neue Schlauch schien die Luft aber auch nicht zu halten. Seltsam, hatte ich etwa beim Einbau ein Loch fabriziert? Ich fragte im Supermarkt nach einem Behälter mit Wasser, bekam einen Eimer, testete den Schlauch unter Wasser, aber kein Loch war zu finden. Also wieder einbauen. Das war meine Art, einen Schlauch möglichst umständlich zu wechseln… Inzwischen war die geplante nächste Fähre natürlich nicht mehr zu erreichen und ich konzentrierte mich auf die nächste, 2 Stunden später. Aber ok, ich hatte jetzt alle Zeit der Welt für die 30 Kilometer. Im Supermarkt in der Nähe der Fähre fand ich ein Café und verwöhnte mich mit einem Kaffee und einem Stück Heidelbeerkuchen. Die Bedienung fragte mich, ob sie den Kuchen aufwärmen und ein Vanilleeis dazu geben solle, ich sagte zu, sie brachte es und verlangte nicht mehr Geld dafür als ohne Eis. Nett, nicht wahr?


Nachdem ich auf der Insel Kvaløya ankam (es war übrigens meine letzte Fährüberfahrt), entschied ich mich, nicht noch einmal in der Wildnis zu campen, weil ich meine Powerbank an einer Steckdose aufladen wollte. Ich fand meinen zweiten ‚automatischen‘ Campingplatz auf Sommarøy, einen ausgezeichneten Platz mit Sandstrand und malerischer Bucht, und ich konnte nicht widerstehen, das Wasser auszuprobieren. Die Lufttemperatur betrug 26° C und das Wasser 16,8 C°. Nicht zu kalt, wie Ostsee im Juni, entschied ich, und das erste Mal in meinem Leben schwamm ich im Nordatlantik auf 69° nördlicher Breite im Meer! Zwar nur mutige 33 Schwimmzüge, dann wurde es mir zu kalt, aber ich habe es geschafft!
Neben der Küche des Campings gab es sogar ein winziges Arbeitszimmer mit unendlich vielen Steckdosen!


Über die Tage 24 – 27: Ich verließ den ‚Paradise Beach‘ Campingplatz Sommarøy am Samstagmorgen und hatte genug Zeit, Tromsø bei heißem Sommerwetter bei wieder ~ 30°C zu erreichen. Diese Temperaturen sind seltene Gipfel nördlich des Polarkreises und die Menschen scheinen darunter zu leiden. Sie finden 18°C oder weniger im Sommer als angemessen. Ich hatte ein Angebot von meinen Gastgebern Elina und Gareth Hutton in Lyfjord bei Tromsø bekommen, dass sie mich mit dem Auto über den steilen Berg nach Lyfjord holen würden, wenn ich in die Nähe käme. Tatsächlich gab es einen steilen Anstieg (mehr als 10%) und einen Tunnel, bevor es wieder hinunter ging. Also wartete ich in einer Tankstelle, bis Gareth kam, um mich abzuholen. Ich war sowieso fertig von der Hitze und froh über den Service. Ich wurde in ihrem netten kleinen Haus, in paradiesischer Landschaft an einem Fjord gelegen herzlich willkommen geheißen.
Die Sonne das Haus, das für solche Sommerhitze nicht gebaut worden war, völlig aufgeheizt und niemand konnte nach dem Barbecue, zu dem sie mich am Abend eingeladen hatten, gut schlafen.


Am nächsten Tag sanken die Temperaturen wieder. Es war bis in den Nachmittag hinein regnerisch und ich schlief viel. Aber als am Nachmittag die Sonne langsam zurück kam, machte ich eine kleine Wanderung rund um Lyfjord und kletterte stolz auf den niedrigsten Berg in der Umgebung. Ich schaute nach den Details und war begeistert von der schönen Landschaft. Auf 115 m Höhe gab es sogar eine Gipfelpyramide! Juhuuu!


Der letzte Tag vor meinem Abflug, ein Montag, war mein Sightseeing-Tag in Tromsø. Gareth brachte mich, mein Fahrrad und sein neues Super-E-Bike auf dem Weg zur Arbeit mit seinem Auto über den Berg bis zum ersten Parkplatz. Von dort fuhr er dann 10 km mit den E-Bike zu seiner Arbeitsstelle. Und so radelte ich allein Richtung Tromsø und erkundete im Vorbeifahren zunächst den Flughafen. Sehr übersichtlich alles. Schönes kleines Terminal. Aber dazu musste ich erst über die erste lange Fjordbrücke. Die Brücken sind alle so hoch, dass ein Segelschiff mit 4 Masten hindurchpassen würde. Oder eines dieser schwimmenden Einkaufszentren, getarnt als Kreuzfahrtschiffe. Da Radfahrer nicht durch den innerstädtischen Tunnel fahren dürfen, galt es zunächst steile Straßen über den Hügel zu erklimmen, auf dem sich ein Teil der Stadt befindet. (Ich hätte natürlich auch am Ufer entlang eine längere Strecke nehmen können) Dann wieder steil bergab und zur zweiten Fjordbrücke, denn die Stadt liegt auf einer Insel. Diese Brücke führt dann direkt zur Eismeer – Kathedrale. Ein Stück Weltkulturerbe und innen wie außen sehenswert. Danach bin ich für satte 27 € mit dem Lift zur Aussichtsplattform in 387 m Höhe am Berghang über der Stadt gefahren!
Das Polarmuseum, das fast ausschließlich Roald Amundsen gewidmet ist, war dann mein nächstes Ziel. Da mich Museen aber schnell ermüden, blieb mir danach nur noch ein Stadtbummel. Und: Ich fand eine Pizzeria, wo ich für nur 65 NOK (6,50 €) essen konnte! Tromsø fühlt sich viel großstädtischer an, als es wirklich ist, mit nur 65.000 Einwohnern, einschließlich der Vororte. Der Berg, auf dem der größte Teil der Stadt liegt, ist zum Beispiel völlig untertunnelt, mit unterirdischen Kreuzungen bleibt das alles aber für Radfahrer unsichtbar.

Irgendwann hatte ich genug und jetzt musste es sein: Ich radelte zurück nach Lyfjord mit mehr als 10% Steigung und ohne zu schieben durch den Tunnel und ohne PKW-Lift über den Berg zurück zu den Huttons!

Am Morgen des 05.Juli 2022 brachte mich Elina mitsamt Gepäck rechtzeitig zum Flughafen. Auch hier ist alles automatisiert und eine Frau vom Bodenpersonal hilft gegebenenfalls, wenn man nicht weiterweiß.
Spannung kam auf, als man nach Freiwilligen suchte, die, weil die Maschine überbucht gewesen sei, bereit wären, eine spätere Maschine zu nehmen. Das verzögerte den Abflug um eine halbe Stunde und fühlte sich etwas erpresserisch an, aber ich hatte genügend Spielraum in Oslo und erreichte pünktlich Berlin, wo mich wieder Beate erwartete. Das Hinterradschutzblech meines Fahrrads war leider ramponiert, die umständliche Schadensmeldung verzögerte die Heimfahrt, so dass ich erst spätabends zuhause ankam.


Statistik:
Insgesamt waren es 1667 km, davon 301 km Überfahrten mit Fähren und ca. 50 km Busersatzverkehr in Trondheim bzw. im15 km im PKW.
Für Übernachtungen habe ich durchschnittlich 18 € umgerechnet pro Nacht ausgegeben, einschließlich der kostenlosen 5 Nächte. Das „fühlte“ sich unterwegs aber teurer an.

Es waren 12.570 Höhenmeter in 24 Fahrtagen.
Zum Vergleich: Nur auf Neufundland waren es 2017 immerhin 14260 Höhenmeter auf nur 1056 km!

Ich brauchte kein Bargeld, nirgends. Alles läuft über Kreditkarten. In Supermärkten habe ich insgesamt 309 € ausgegeben, das ist ca. ein Drittel mehr als ich in Deutschland in der Zeit ausgegeben hätte, wobei ich aber sehr auf die Preise geachtet habe. Ich hatte mit dem Doppelten gerechnet.

Beobachtungen:
Norwegen ist mit Abstand das sauberste Land, das ich je besucht habe. Nirgends liegt Müll herum, Grafitti gibt es so gut wie keine. Vandalismus auch nicht.
Mülltonnen sind auf den Dörfern vor den Grundstücken überdacht!
Bei einer geringen Einwohnerzahl von 5 Mio. wird unglaublich viel in die Infrastruktur investiert, um die Inseln miteinander zu verbinden. Der kleine Ortsteil Lyfjord, mit Nachbardorf und Insel vielleicht ein paar hundert Einwohner, wurde verkehrstechnisch mit einem Millionen teuren Tunnel und einer Buslinie verbunden.
Fährverbindungen sind in der Regel für Radfahrer und Fußgänger kostenlos. Autofahrer zahlen über eine App.