Von Paris bis Hannover 2021

Prolog, von Offenburg nach Strasbourg

Am Freitag, den 06. August startete ich meine diesjährige Radreise mit der S-Bahn vom Bahnhof Köpenick entsetzlich früh um 03.40 Uhr, denn nur so konnte ich einen Fahrradplatz bekommen. Ich musste dann umsteigen in den ICE bis nach Oppenheim, radelte von dort über die Grenze nach Straßburg (Frankreich), um am Nachmittag meinen TGV nach Paris zu erreichen. Ich hatte ein Airbnb-Zimmer für 2 Nächte gebucht und schließlich, nach fünf Besuchen in Paris, wollte ich endlich mal den Eiffelturm besuchen, den ich jedes Mal gemieden habe, weil ich es hasse, in einer endlos langen Schlange vor der Kasse zu warten. Darunter gestanden hatte ich schon einmal. Deswegen buchte ich eine geführte Tour im Voraus. Etwas, was ich sonst so gut wie nie gemacht habe.

Ich kam also in Frankreich an. Nachdem ich bei Strasbourg mit dem Fahrrad die Grenze überquert hatte, habe ich der Altstadt noch einen Kurzbesuch abgestattet und bin dann um 15.40 Uhr von der Station Central aus mit dem TGV nach Paris gefahren, wo ich um 17.30 Uhr auf dem Gare de l’Est ankam.

Mein AirBnB – Gastgeber war mit der Unterbringung eines Radfahrers wohl doch überfordert und verlangte dann 10 € zusätzlich für einen Platz in der Tiefgarage, denn im winzigen Fahrstuhl hätte ich das Fahrrad nicht mal senkrecht mit nach oben nehmen können, und es im Hof anzuschließen sei von der Verwaltung verboten worden. Und dabei hatte ich wegen des Fahrrades extra vorher angefragt…

Die Planung mit dem Eiffelturm war keine gute Idee, wie sich zeigen sollte, denn es kam eine Nachricht vom Guide, dass der Eiffelturm leider geschlossen sei und sie die Tour absagen müssten. Ob sie ihn wohl erst desinfizieren mussten?, fragte ich mich. Okay, dann buchte ich doch einfach mal einen Louvre-Besuch. Frohen Mutes fuhr ich also am Morgen mit dem Fahrrad zur Iles de la Cité gefahren. Ich wählte die Route so, dass ich an der ausgebrannten Kathedrale Note Dame vorbeikam, vor der noch immer Feuerwehrautos herumstanden, als müssten sie ganz schnell wieder eingreifen.

Kinderbilder vor der Kathedrale

Dann wurde es kühl und bald fing es an zu regnen, zwar nur Schauer, aber ich hatte optimistischer Weise meine Regenjacke in meinem Zimmer gelassen, weil ja morgens die Sonne schien. Um nicht völlig durchnässt zu werden, musste ich mich deshalb schnell in ein Café retten und für stolze 5 Euro einen Kaffee trinken.

Dort merkte ich, dass ich keine Internetverbindung mehr bekam, außer über das WLAN des Cafés. Und das mitten in Paris! Nun hatte ich aber den Fehler gemacht zu glauben, dass der Place de Pyramides, wo ich die Eintrittskarte für den Louvre gegen meinen Voucher eintauschen sollte, sicherlich dort sein würde, wo die Glaspyramide am Louvre steht. Ein naheliegender Irrtum, wie sich zeigen sollte. Aber nicht, dass man sein Fahrrad dort irgendwo abstellen könnte! Ich musste es vor dem riesigen Louvre-Gelände an eine Laterne schließen. Trotzdem kam ich gerade noch rechtzeitig vor 13 Uhr am Eingang an, fand aber jetzt nirgendwo einen klaren Hinweis, wo ich meinen Gutschein gegen ein Ticket einlösen sollte.

So folgte ich einer kleinen Gruppe, die mit ihren Gutscheinen in der Hand eingelassen wurde (zumindest erschien es mir so). Dann mussten alle als Erstes durch eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen und man beschlagnahmte meine „Waffen“ (1 Taschenmesser, 1 Schere, 1 Inbusschlüssel, naja was man als Radreisender eben so mit sich führt). Ich bekam einen Zettel mit einer Nummer, – später könne ich die Sachen damit wieder abholen. Aber ich hatte immer noch kein richtiges Ticket, und so wurde ich an der Einlasskontrolle im Inneren abgewiesen und – zum Place des Pyramides geschickt, der aber ganz woanders lag, nämlich ca. 10 Minuten zu Fuß in westlicher Richtung. Mit dem Louvre WiFi konnte ich auch endlich auch Google Maps aktualisieren. Und jetzt sah ich, wo der Platz genau ist. Inzwischen war es zwar schon eine halbe Stunde zu spät, aber dort gaben sie mir freundlicherweise noch mein Ticket und einen Audioguide. Ich hastete zurück zum Louvre. Da ich zu spät gekommen war, hatte ich nicht mehr das Privileg, ohne zu warten eingelassen zu werden und musste mich in eine lange Schlange stellen, meine Impfung nachweisen, dann noch einmal Schlange stehen und wieder durch die Sicherheitskontrolle gehen. Es fing wieder an zu regnen, ein Nordafrikaner kam sofort und verkaufte geschäftstüchtig Schirme. Manchmal passierte minutenlang gar nichts. Nach etwa einer Stunde Schlangestehen war ich endlich richtig im Louvre.

Warten, warten, warten …
Endlich im Louvre

Für so viel Ausstellung war ich aber jetzt eigentlich zu müde geworden. Denn der Louvre ist einfach riesig! Gefühlt kilometerlange Gänge! Und es war voll wie in einem Einkaufszentrum zur Weihnachtszeit! Antike Statuen. Italienische Malerei von der Gotik bis zur Gegenwart. Islamische Kunst. Man braucht mehrere Tage, um auch nur annähernd alles zu sehen. Die Mona Lisa ist mir völlig entgangen. 

Der Sieg der Samotrake
Eine der vielen antiken Büsten
„Lasst mich raus!“
Voll war es wie im Einkaufszentrum zu Weihnachten

Nach etwa zwei Stunden hatte ich dann genug und verließ den Louvre guten Gewissens. Zurück über den Innenhof zur Sicherheitskontrolle und meine Sachen abholen.  Mein Fahrrad war zum Glück auch noch nicht gestohlen worden. Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer musste ich noch einmal vor einem Gewitterguss fliehen und rettete mich in ein kleines Restaurant wo ich mich dann mit einen gebackenen Camembert mit Honig tröstete….

Wieder draußen, das Wetter wird dramatisch…

Tag 3 in Frankreich (wenn ich auch den ersten halben Tag mitzähle).

Morgens verließ ich Paris wieder, weil ich einige Probleme mit Metropolen habe. Ich lebe in Berlin und habe so etwas jeden Tag um mich herum. Mir sind das alles zu viele Eindrücke auf einmal, aber ich kann Metropolen auch nicht ignorieren und ganz vermeiden. Und mit dem Fahrrad ist es jedes Mal trotz der vielen Radwege stressig, weil ich ja auch noch ständig auf den Navigator gucken muss. Zu viele Sehenswürdigkeiten, die nicht ignoriert werden wollen… Und so hatte ich es ja auch von Anfang an geplant: Zwei Nächte Paris. Punkt.

Okay, ich radelte also nordwärts, navigierte umständlich um eine riesige Baustelle herum, die meine vorgeplante Route unterbrach, dann durch die Banlieus, die Viertel, in denen die meisten algerischen Einwanderer leben.

Der erste Teil
Irgendwo am Seine-Kanal

Ich versuchte, irgendwo Milch zu bekommen, aber diese Einwanderer trinken wohl keine Milch, also war es erst mal unmöglich, bis ich später nach 27 km in einem riesigen Carrefour-Markt welche erstand. Übrigens gibt es in Frankreich nur H-Milch, was mich doch sehr erstaunte. Praktisch für mich als Radreisender, und sogar in Halbliterflaschen. Ich brauchte eine Weile, um den Stadtrand hinter mir zu lassen. Die Landschaft wurde dann ländlicher. Kleine Städte und Dörfer, die mir alle fast wie ausgestorben vorkamen, denn ich sah nur sehr wenige Menschen auf den Straßen. Keine Restaurants, keine Kneipen geöffnet. Nirgends. Ob sie den Coronatod gestorben waren? Lethargie eines Sonntags?

Neuilly-en-Thelle

Der erste Teil meiner Route ging fast ständig bergauf, nicht viel, aber spürbar, denn es verlangsamte mein Tempo. Aber ich hatte ja auch den ganzen Tag Zeit, um nach 79 km mein Ziel, den Campingplatz von Bresles, zu erreichen. Ein schöner Platz mit Atmosphäre und sehr preisgünstig, mit einem Kühlschrank für alle auf der Zeltwiese unter einem Baum und Steckdosen zum Aufladen ohne Spezialbuchsen …!

Tag 4 in Frankreich:
Dies war ein nasser Tag. Regenduschen unterschiedlicher Intensität. Es begann schon morgens beim Frühstücken, und die letzte am Nachmittag war so stark, dass es innerhalb 30 Minuten mindestens 20 l Regen gewesen sein müssen, während ich mein Rad bergauf zur nächsten Straße auf einem Schotterweg schob, weil ich von einer schlecht befahrbaren sogenannten Radroute zu einer ordentlich Straße hinüberwollte. Genau dann erwischte mich der stärkste Regenguss seit Langem. Zeitweilig konnte ich gerade kaum 50 m weit sehen. Ich hatte Angst, dass irgenein Autofahrer mich übersieht. Ich war am ganzen Leib durchnässt, meine neue Regenjacke tat zwar ihr Bestes, aber das war zu viel. Als ich mich dann in eine offenstehende Garage neben einen PKW quetschte, verwarf ich die Idee, zum Campingplatz von Amiens zu fahren und buchte mir schnell ein Hotelzimmer, denn ich brauchte ein Zimmer zum Sachen trocknen. Und dann hörte der Regenguss auf. Jedenfalls war die Landschaft sehr abwechslungs-reich, aber auch die Qualität der Straßen oder empfohlenen Radwege. Ein Höhepunkt war noch am Vormittag die Kathedrale von Beauvais. Sie hat das höchste bekannte gotische Kirchenschiff mit 47 m, ist aber turmlos. Sehr beeindruckend und auf jeden Fall einen kleinen Umweg wert auf meinem Weg Richtung Norden nach Amiens, wo ich mich dann in einem Hotelzimmer trocknete und meinen Bericht verfasste, die nassen Schuhe mit Toilettenpapier vollgestopft.

Tag 5 in Frankreich.

Da ich auf dem nächsten Campingplatz keinen Tisch entdecken konnte, musste ich im Zelt liegend schreiben und das ist mit dem Tablet auf dem Rücken liegend sehr anstrengend. Das war in der Nähe von Le Crotoy und ich hatte die Küste fast erreicht, aber das Meer war doch noch einige Kilometer entfernt. Am Morgen besichtigte ich in Amiens aber erst die größte Kathedrale Frankreichs….

… und fuhr dann den größten Teil dieser Etappe auf dem EV 3 entlang der Somme. Die Schlachtfelder des 1.Weltkriegs lagen weiter westlich, aber ich kam an einer Kriegsgräberstätte vorbei. Das Wetter war nicht so nass wie am Tag zuvor, mit einigen Regentropfen unterwegs und Sonnenschein am Ende.

Tag 6 in Frankreich.

Das Wetter: Sonnig, bewölkt, dann wieder sonnig und 22°C. Ich sah die Kanalküste zum ersten Mal auf dieser Reise. Die Strecke war fast flach mit hügeligen Ausnahmen am Ende. Später fuhr ich vom Campingplatz aus in ein Strandlokal. Das „Tartare de Saumon“ war überraschend gut. Während dessen ging die Sonne über England unter. Es ist für mich immer eine magische Versuchung, einen Sonnenuntergang zu fotografieren, auch wenn es bestimmt Nr. 378 war. Dann bemerkte ich plötzlich, dass ich meinen USB-Kartenleser verloren hatte …

Tag 7 in Frankreich.

Kann mir jemand sagen, warum mindestens jeder zweite Campingplatz kein Toilettenpapier und keinen Toilettensitz hat? Was ist die Einstellung, die Mentalität dahinter? Frankreich ist doch kein isoliertes Land mitten im Nirgendwo, es ist eine führende Kraft in dem, was wir „europäische Kultur“ nennen. Wir Radfahrer haben ja nicht den Platz für komplette Toilettenpapierrollen im Gepäck oder ein Achter-Rollen-Paket, das man mindestens kaufen müsste!!! (Ehrlich gesagt war ich für eine begrenzte Zeit vorbereitet, dank meiner Erfahrungen in der Vergangenheit mit französischen Verhältnissen, aber ich hatte gehofft, dass sich das geändert hätte…)!

Eine andere merkwürdige Sache (in meinen Augen) ist, dass an jedem offenen Gewässer (Teich, See, Fluss, Kanal) ein Schild steht: Baignade interdit! (Baden verboten!). Es fühlt sich an wie in den USA, wo jeder vor jeder möglichen Gefahr gewarnt werden muss, um durch nicht durch was auch immer zu Schaden zu kommen. Und dann müssen womöglich riesige Schadenersatzansprüche befriedigt werden. Zum Glück war es nicht heiß genug, so dass ich mich nicht gezwungen fühlte, das Verbot zu ignorieren. Dies war eine kürzere Etappe mit genau 60 km. Entlang der Kanalküste über Hügel zur Bucht und dann wieder über einen 150 m hohen Hügel, bis dann Calais auftauchte und ich einen Ersatz für meinen verlorenen Kartenleser kaufen konnte. Der Wind kam von hinten, die Sonne schien über längere Zeit, einige Wolken entließen einige dürftige Tropfen. Die Landschaft wurde von einigen schönen Highlights gekrönt und ich konnte über den Kanal hinweg die Kreidefelsen von Dover sehen. Abends nach einem guten Essen in einem Restaurant machte ich noch ein Strandspaziergang.

Tag 8 in Frankreich / Tag 1 in Belgien

Ich fuhr weiter am Kanal entlang, passierte Graveline und dann kam Dünkirchen mit seiner imposanten Strandpromenade.

Am Nachmittag passierte ich nach 467 km in Frankreich die fast unsichtbare Grenze zu Belgien und ließ mich von meinem Garmin zu einem der Campingplätze in der Nähe von Nieuwhaven nach Westende navigieren. Ich fand mich sogleich in einem Radler-Paradies in flacher Landschaft wieder. Das Radwegenetz ist so dicht, wie ich es nur aus den Niederlanden erinnerte. Und die Wege sind auch sehr stark befahren.

Der zweite Teil

Ich war mit meinem Fahrrad aber bisher noch nie in Belgien, außer etwa für 10 km im Jahr 2005 auf dem Weg von Aachen nach Groningen. Der Campingplatz war mit 21 € plus 1,50 € für eine Duschkarte und viel Lärm von Familien mit Hunden und Kindern um mein Zelt herum der bisher teuerste. Ich lernte ein nettes junges Paar aus Hannover kennen, die neben mir zelteten und ebenso Radfahrer sind. Ich wollte das alles noch am Abend schreiben, aber als ich es versuchte, kämpfte eine Musikbox aus dem Restaurant mit der Musik aus der Bar, so dass ich nach dem Hochladen meiner Bilder mittels des WiFi vom Restaurant die Flucht ergriff. Dann machte ich noch einen Spaziergang durch die Dünen, vorbei an Überresten des Atlantikwalls. Als ich noch nicht einmal ansatzweise die Straße zum Campingplatz wieder überqueren wollte, bremste bereits eine Autofahrerin, was mich ziemlich irritierte. Wie kann die denn wissen, dass ich gleich auf die andere Seite will? Soviel Respekt vor Radfahrern gibt es wohl auf der ganzen Welt nur hier und in Holland…

Tag 2 und 3 in Belgien.

Nach einer unruhigen Nacht auf dem Campingplatz bei Westende radelte ich entspannt Richtung Brügge, immer entlang der flandrischen Kanäle und auf ebenem Untergrund. Erstklassiger Radwege. Nicht einmal Kanten an den Rändern und nirgends Wurzelhub. Mein „warmshowers“ Gastgeber Geerd wartete schon auf mich. Er ist eine Art Superhost, denn er hatte bereits über 60 Gäste innerhalb von 2 Jahren, die er alle auf einem Poster im Flur verewigt hat. Er wohnt in einem sehr schmalen aber innen sehr langen 2-stöckigen Haus am Rande der Altstadt mit Fundamenten aus dem späten Mittelalter. Sehr stilvoll eingerichtet mit einem Glasfußboden im 1. Stock, darüber ein Glasdach, über den ich wie über eine Eisfläche fast mit zitternden Knien zu meinem Zimmer gelangte. Brügge (es spricht sich wie „Bräche“ aus, mit hartem ch) zu erkunden erwies sich als eine vermutlich mehrtägige Aufgabe, und so habe ich es bei einer ersten Erkundung belassen. Überraschend sind die monumentalen Türme der Kirchen und des Belfrieds, die vom Reichtum früherer Epochen und dem Aufstieg des Bürgertums künden sollten. Das Licht war für gute Fotos nicht mehr sehr günstig (zu harte Schlagschatten) und so habe ich am nächsten Morgen meine Besichtigungen fortgesetzt, bis es mir zu viel wurde.

Am Nachmittag startete ich dann nach Gent, immer entlang von Kanälen. Plötzlich holte mich ein Polizeiwagen ein, bremste und man forderte mich auf meine Papiere zu zeigen. Fragte nach meinem Woher und Wohin. Dann ließen sie mich freundlich lächelnd weiterfahren. Nach einer Viertelstunde holten sie mich erneut ein und stoppten mich wieder. Während der eine Polizist mich in ein nettes Neugier-Gespräch über Streckenlängen bei Radreisen verwickelte, begann der andere, meine Taschen zu durchsuchen. Natürlich fragte er mich vorher, ob ich einverstanden sei. Ich überlegte blitzschnell die Rechtslage und die Folgen einer Weigerung und gab lieber mein Einverständnis. Sonst hätten sie mich womöglich auf irgendein Revier verschleppt. Man suche nach jemandem, der mit wie ich auf einer Radreise sei und mir angeblich ähnele, er würde eines Diebstahls beschuldigt. Nach etwa zehn Minuten oberflächlichem Durchsuchens und nettem Smalltalk mit dem anderen Polizisten gaben sie mich wieder frei. Na, wenn ich wirklich etwas gestohlen hätte – so hätten sie es bestimmt nicht finden können…

Tag 4 in Belgien war ein vergleichsweise fauler Tag für mich. Das Wetter war kalt und windig am Morgen und später regnete es. Also nahm ich einen Ruhetag, um langsam die Altstadt von Gent zu erkunden, bis ich zurück zu meinem Zimmer bei immer unagenehmeren Wetter schlenderte und mir lieber einen Film auf meinem Bett liegend ansah. Abends fand ich noch eine einzige Kneipe für ein kleines Bier kurz vor Schließung (22 Uhr!). Ich hatte eine sehr nette AirBnB Gastgeberin, Lehrerin von Beruf und ich war auch nicht auf mein Zimmer beschränkt, sondern hätte die ganze Wohnung mit nutzen können, was mir angesichts der von mir doch als schützenswert empfundenen Privatsphäre etwas seltsam vorkam. Diesmal gab es den Fahrradplatz in der Tiefgarage ohne Preisaufschlag 😉 Hier nun Impressionen dieser schönen Stadt.

Tag 5 in Belgien.

Noch bevor ich am Morgen losfuhr, dachte ich, das wird wieder eine nasse Etappe. Der Wetterbericht sagte Regen unbekannten Ausmaßes voraus und nach etwa einem Viertel der gut 60 Kilometer von Gent nach Antwerpen begann es zu tröpfeln. Zuerst nur wenig, doch dann fing es bei ekelhaft kaltem Wind erst richtig an. Also suchte ich Schutz, um es auszusitzen. In Lokeren verfuhr ich mich, sah aber dann ein Schild „Eetcafe“. Ich suchte es, fand es zuerst nicht, ließ mich dann dorthin navigieren – geschlossen. Also fuhr ich weiter. Zurück auf meine Route. Wieder ein geschlossenes Restaurant. Dann kam, was für ein schöner Name, Sint Niklaas. Hier fand ich ein offenes Café und rettete mich komplett durchnässt hinein. Hängte meine Jacke über die Stuhllehne, aß verdrossen mit feuchter Kleidung zwei Muffins und trank zwei Kaffee. Inzwischen hatte mein neuer warmshowers-Gastgeber geantwortet und ja, sie könnten mich heute früher empfangen als ursprünglich geplant, sie hätten selbst eine Fahrradtour gemacht und wegen des Wetters aufgegeben. Auf dem Weg dorthin überquerte ich die Schelde in einem Rad- und Fußgängertunnel, dessen Eingangsgebäude ich mir erst zeigen lassen musste, weil es so unscheinbar war. Auf zwei langen Rolltreppen fuhr ich hinab. 580 m – so habe ich innen die Länge gemessen. Die Stadt verhüllte ihre Reize hinter Regenwolken und ich war froh, endlich bei meinem Gastgebern Katrien und Steph angekommen zu sein.

Tag 6 in Belgien – Tag 1 in den Niederlanden.

Die Nacht verbrachte ich also bei den warmshowers Gastgebern in ihrer luxuriös eingerichteten Wohnung. Die beiden hatten die Strecke von Anchorage nach Los Angeles als ihre allererste Radreise vor einigen Jahren zurückgelegt. Wir hatten darüber interessante Gespräche. Ich war erstaunt über ihre patente Art des Reisemanagements. Die beiden sind Inhaber eines Pflegedienstes. Sie reisen so, dass einer von beiden im Notfall einfach schnell zurückfliegt. Selbst betrachteten sie sich als Europäer, antworteten sie auf meine Frage nach der nationalen Identität der Belgier, Belgier seien sie nur, wenn Fußball gespielt würde. Ich bin auf dieses Thema gekommen, weil im flandrischen Teil Belgiens alles nur auf Niederländisch und nichts auf Französisch beschriftet ist, obwohl mehr als die Hälfte der Belgier, die Wallonen, Französisch sprechen. Die Wallonen lernen auch nicht selbstverständlich niederländisch in der Schule, umgekehrt hat aber Französisch für die flämischen Kinder einen viel höheren Stellenwert.
So bleibt es ein gespaltenes Land, dessen Bürger sich jeweils in der anderen Hälfte wie im Ausland fühlen.  

Von Antwerpen bis zur niederländischen Grenze waren es genau 40 Kilometer (insgesamt in Belgien 214 km), meist wieder entlang eines Kanals.

Der dritte Teil

Linker Fuß in Belgien, rechter in den Niederlanden

Dann kam als erstes das kuriose Städtchen Baarle. Aufgeteilt in Baarle-Nassau und Baartle-Hertog. Baarle Hertog besteht aus sehr vielen kleinen (37) belgischen Enklaven und niederländischen Drumherum. Und auch zwei niederländischen Enklaven innerhalb der belgischen. Man wechselt in Baarle ständig von einem Land zum anderen. Aber diese Merkwürdigkeit soll schon sehr alt sein und ist ein Touristenanziehungspunkt. Ich gönnte mir dort eine belgische Waffel in einem gerade so noch in den Niederlanden befindlichen Café, mit Schlagsahne und heißen Kirschen, und beschloss, einen Campingplatz nördlich von Tilburg anzusteuern. Kurz nach der (kaum sichtbaren) Grenze sah ich eine Flugzeugatrappe im Wald. Da haben die Nazis mal einen Fake-Flughafen angelegt, um die englischen Bomber zu täuschen und Angriffe dorthin zu abzulenken. Aber das blieb natürlich nicht lange geheim, und die Engländer haben dann so getan, als wüssten sie es nicht …

Tag 2 in den Niederlanden.

Wieder ein Tag mit schlechtem Wetter. Der Regen blieb aus, aber die Luft blieb so feucht, dass auch ich schon dadurch ganz nass wurde und eine Weile mit Versuch – Irrtum brauchte, um herauszufinden, was ich am besten an- oder ausziehen sollte. Nachdem ich also morgens das Zelt nass einpacken musste, radelte ich nach Westen. Ich kam am ehemaligen Konzentrationslager Vught vorbei, heute eine Gedenkstätte mit Museum und Café. In diesem Moment verstärkte sich der Regen, nachdem ich eine Weile unschlüssig war, hatte ich einen Grund hineinzugehen, um im Besucherzentrum einen Kaffee zu trinken und einen Brownie zu essen. Merkwürdig für mich als Deutschen, zum Kaffee ins KZ… Die Niederländer sind aber sehr pragmatisch, denn direkt an das KZ schließt sich auch das Regionalgefängnis an. Oder war es vorher schon da?

Und dann kam s’Hertogenbosch (oder auf Deutsch Herzogenbusch). Das war eine Überraschung. Mir war nicht bewusst, dass das eine so altehrwürdige Stadt und voller Touristen ist. Hieronimus Bosch lebte hier. Also besuchte ich die beeindruckende Kathedrale und machte einen kleinen Spaziergang in der Altstadt. Übrigens: In den Niederlanden gab es nirgendwo eine Maskenpflicht. Und so trug auch niemand eine. Nicht beim Einkaufen, nicht auf der Straße. Sind die Niederländer schlauer? Dümmer? Mutiger? Realistischer?
Morgen fahre ich über die deutsche Grenze. Die Gesichtsmaske wieder griffbereit in der Lenkertasche!


Tag 13 seit Beginn der Reise. Morgens startet ich in Gennep vom letzten holländischen Campingplatz und erreichte schon nach zweieinhalb Kilometern die deutsche Grenze überquert. Diese war diesmal im Vergleich zu den vorherigen Grenzen deutlicher markiert, wie man auf den Bildern sehen kann. Ganze 122 km waren es in den Niederlanden.

Der vierte Teil der Reise

Nach über 350 km Flachland (die letzten Anstiege lagen hinter Calais) gab es nun wieder einige Hügel von denen einer so steil war, dass ich sogar kurz mal schieben musste.  Mittags traf ich meine Facebook-Freundin Karin in Xanten. Sie wollte mich nun einige Etappen begleiten. Eine ganz neue Erfahrung, da ich seit Jahren allein fahre. Mal sehen, wie es funktioniert, dachte ich, aber es fühlte sich erst einmal gut an. Das große Römermuseum habe ich nicht besucht, da Karin meinte, sie hätte fünf Stunden dafür gebraucht und dafür reichte dann die Zeit nicht mehr.  

Karin

Am 14. Tag fuhr ich mit Karin von Xanten nach Haltern. Zur Strecke gibt es nicht viel zu sagen, der größte Teil lief als Radweg parallel zur schnurgerade Bundesstraße und es gab keine sinnvolle Alternative. Wir fanden später, als die Route von der Straße weg führte viele saftige Brombeeren und trafen in einem Naturparkgebiet auf eine Herde asiatischer Wasserbüffel, die sich dort im Schlamm wälzten. In Haltern besuchten wir das Römermuseum, denn dort befand sich einst ein großes römisches Heerlager. Römische Geschichte ist nämlich Karins Hobby, aber das hätte ich mir auch ohne sie angesehen.

Tag 15 meiner Reise.

Karin und ich fuhren die 43 km von Haltern nach Münster an einem halben Tag. Wir hatten das Zimmer in der Jugendherberge für 2 Nächte gebucht, um genügend Zeit für diesen Schatz der Geschichte zu haben.
In Münster, dummerweise ein Montag, an dem ja alle Museen geschlossen sind, blieben wir also noch einen Tag und machten einen ausgiebigen Stadtbummel sowie für einen ersten Überblick eine Stadtrundfahrt.

17. Tag Münster – Osnabrück.

Bestes Wetter, aber auch meine erste Etappe mit kaltem Gegenwind aus Nordosten. Und meine ersten bemerkenswerten Steigungen seit den Dünen bei Calais. Der Teutoburger Wald, ein kleines Gebirge, fühlte sich nach mehreren hundert Kilometern Flachland ein wenig ungewöhnlich für mich an. Wir ließen es uns ruhig angehen und erreichten am Nachmittag unser Hotel direkt hinter dem Bahnhof.  Dies war die letzte Etappe mit Karin, die wieder nach Hause musste. Wir hatten das Vergnügen, unterwegs gemeinsam einen Baumwipfelpfad zu erwandern, den wir in der Nähe von Bad Iburg entdeckten.

Der Tag endete mit einem Spaziergang in die Altstadt von Osnabrück und einem bayrischen Abendessen am Marktplatz .

18. Tag, von Osnabrück bis Twistringen, 96 km.

Ich verabschiedete mich morgens von Karin. Zuerst besuchte ich das Gebiet nördlich von Osnabrück, wo im Jahr 9 n. Chr. die Varusschlacht stattfand, in der die römischen Legionen von den Germanen unter der Führung von Arminius besiegt wurden.

Kaum hatte ich das Museumsgelände verlassen, versagte mein Garmin Navigator, das Display fror ein und zeigte beim Neustart keine Karte mehr an. „Ich werde das Problem wahrscheinlich erst lösen können, wenn ich zu Hause bin, weil ich das Gerät an einen PC anschließen muss“, dachte ich.  Nun fuhr ich erst mal auf einer Streckenlinie ohne Kartenhintergrund, ersatzweise navigierte ich einfach mit komoot und Google Maps, auch wenn das umständlicher war, weil ich ja ein Tablet benutze, das ich immer wieder aus der Lenkertasche nehme musste und auf dem ich, wenn es zu hell war, kaum etwas erkennen konnte. Der Wind blies widerlich kalt und aus Norden, kam mal von der Seite, dann schräg von vorne und wurde immer stärker. Eigentlich hatte ich geplant, einen bestimmten Campingplatz anzusteuern, aber dann wurden die Wolken immer dunkler und bedrohlicher. Plötzlich kam das Städtchen Twistringen (noch nie von gehört) und ich dachte, dass es da bestimmt ein Hotel gibt. Denn bis zum eingeplanten Canmpingplatz waren es noch ca. 10 km. Und ja, ein Einheimischer lotste mich zu einer Tankstelle, die würden Zimmer vermieten. Jetzt bin ich in diesem Motel, und kaum hatte ich die Tür geschlossen, begann ein ekelhafter Nieselregen vom Himmel zu peitschen. Gutes Timing. Was für ein Spätsommer!

19. Tag, von Twistringen zum Steinhuder Meer

Ich beschloss, statt gegen den ekelhaften Wind in Richtung Bremen (und dann weiter nach Westen) nach Südosten zu fahren, später dann nach Osten. Der Wetterbericht kündigte wieder hässliches Regenwetter mit kalten, böigen Winden an. Das macht mir generell überhaupt keinen Spaß, war dann aber doch nicht so schlimm, weil ich ja mehr oder weniger Rückenwind hatte und dann doch öfter die Sonne schien. Nachdem ich die Weser überquerte und durch das schöne Städtchen Steyerberg fuhr, landete ich am Steinhuder Meer gelandet und hoffte, dass das Wetter am nächsten Tag besser wird. Wenn nicht, könnte ich zur Not ja von Hannover mit dem Zug nach Hause fahren. Übrigens, mein Garmin funktionierte seit kurz hinter Twistringen wieder richtig! Es fehlte einfach eine der vielen Kartenkacheln, mangels Speicherplatz. Und so fiel ich sozusagen von der Landkarte.

Tag 20 – der letzte Tag.

Nachdem das Wetter am Vortag deutlich besser war als vorhergesagt (nur ein Schauer), plante ich noch am Abend zuvor die nächste Etappe Richtung Berlin. 92 km wären es gewesen. Die Nacht war trocken und ich freute mich darauf, ein trockenes Zelt einzupacken. Doch schon beim Frühstück begann es zu regnen. Mist! Der Himmel war grau und zeigte keine Lücke in den Wolken. Der Wetterbericht versprach nichts Besseres. Alles in mir protestierte: „Ich will so nicht weitermachen. Ich muss mir nicht beweisen, dass ich es könnte. Ich habe Urlaub! Und die neue Regenjacke ist Mist!“ Also packte ich das wieder nass gewordene Zelt zusammen und beschloss, nach Wunstorf, der nächsten Bahnstation, zu fahren. Knapp 20 km waren dann auch bei Regen kein großes Problem. Ich bekam dort sogar noch mittags fünf vor zwölf ein Fahrradticket für den ICE 13.31 Uhr von Hannover nach Berlin, und war schon nachmittags ich wieder zu Hause…

Dies war meine kürzeste Radreise in den letzten Jahren mit knapp 1200 km, dank der Pandemie-Situation so geplant, dass ich theoretisch von überall aus hätte im Notfall wieder mit dem Zug zurückfahren können.