Zug verpasst – das Rückreisedrama

Mensch ärgere dich nicht oder: Die andere Art zu reisen…

Mein Zug zurück nach Berlin fuhr Donnerstag um 11.25 Uhr von Paris Est. Die Fahrkarten wohl verpackt in der Lenkertasche meines Fahrrads, das mich 930 km zuverlässig durch die Normandie beförderte. Ich startete für die letzten 11 km rechtzeitig um 10 Uhr vom Campingplatz im Bois de Bologne. So viel Zeit sollte trotz hereinbrechender Hitze und einer unkalkulierbaren Zahl von Ampeln wohl reichen…
Alles ging gut. Den riesigen Platz Maillot und die Avenue des Termes hatte ich schon hinter mir, war gerade auf den Boulevard des Courcelles eingebogen, – noch 5 km-, da hörte ich ein rhythmisches Knacken vom Hinterrad. Ich stoppte, schaute nach, sah erst mal keine Ursache. Vielleicht die Bremse? Gut, dann bremse ich bis zum Bahnhof nur mit der anderen. Ich schob das Fahrrad auf die Fahrbahn zurück und – plötzlich war der Reifen platt! Nein!!! Nicht das! Jetzt! Hier!
Nervös schaute ich auf die Uhr. 10.38 Uhr. Ich sah mir den Reifen genauer an: Ein dicker rostiger Nagel hatte den eigentlich pannensicheren Mantel durchbohrt, sein stumpfes Ende hatte den Lärm an der Bremse verursacht. Das einzig Gute daran – ich muss das Loch nicht erst suchen und kann darauf verzichten das Rad auszubauen und den Schlauch zu wechseln. Dachte ich. Also Gepäck abladen. Schlauch rausziehen, Flickzeug rausholen. In Windeseile den Flicken drauf, Mist, jetzt lässt sich die Folie vom Flicken nicht abziehen… Einen anderen her. Wo ist das zweite Loch? Wenn etwas durchbohrt ist, muss es doch 2 Löcher geben?? Ich fand es nicht. Flicken rauf, Schlauch wieder rein. Luft aufgepumpt. Hält nicht. Es MUSS ein zweites Loch da sein! Schlauch wieder raus. DA ist es! Geflickt, Schlauch rein, Gepäck rauf, Luft aufgepumpt, hält .. erst mal …! 11 Uhr und 3 Minuten. Noch mindestens 5 km! Spätestens um 11.20 Uhr muss ich den Bahnhof erreicht haben, beim TGV lässt man ab 2 Minuten vor Abfahrt keine Reisenden mehr zusteigen. Ich fuhr wie ein Begaster, schwitzte wie eine Sau und scheiterte doch immer wieder an den Ampeln (alle gefühlte 100 Meter eine), an der weichenden Luft im Reifen, die doch nicht hielt (also immer wieder nachpumpen), an den Einbahnstraßen kurz vor dem Bahnhof (natürlich alle nur in der Gegenrichtung frei).
Da – schon mal der Nordbahnhof! Um die Ecke ist der Ostbahnhof. Quer über Taxiwartespuren hetzend erreichte ich mit Müh und Not den Bahnsteig. 11.26 Uhr. Kein TGV nach Karlsruhe mehr da! Der ICE 13.10 Uhr kam mit Fahrrad nicht in Frage. Was nun?

Ich suchte nach dem Fahrkartenschalter. Völlig verschwitzt ließ mich ein Pärchen vor, obwohl ich nun alle Zeit der Welt hatte. „Je ne parle bien francaise. Parlez vous anglaise ou allemand? – Ich spreche nur schlecht französisch, sprechen Sie englisch oder deutsch?“ fragte ich den Schalterbeamten. Der schüttelte den Kopf und gab mir eine Telefonnummer. DB France. Nach einigen „Wenn Sie … dann drücken sie die…“ – Anweisungen hatte ich eine deutschsprechende Dame am Hörer. Ich erklärte ihr mein Dilemma. „Wann wollen Sie fahren? Heute noch?? Moment…“ Ich wartete eine scheinbare Ewigkeit. „Sind Sie noch da?“ fragte ich. Sie: „Müssen die Deutschen immer so ungeduldig sein?“ Nach einer weiteren Weile: „Ich habe da eine Möglichkeit um 20.05 heute Abend. Soll ich die reservieren?“ Ich bejahte und sie notierte meine Daten, sagte dann, ich müsse aber zur Rue Lafitte Nr. 20 kommen. Das sei gleich in der Nähe. Aber jetzt hätte sie erst mal Mittagspause. OK, also bis dann. Auf dem Stadtplan suchte ich die Adresse. Quadrat E4. Ich suchte und suchte. Keine Rue Lafitte. (Damals hatte ich noch kein Tablet mit google maps) Gut, dachte ich, ich bin jetzt nur zu nervös. Ich repariere jetzt erst mal mein Fahrrad. IN RUHE! Dazu fand ich einen wenig gefüllten und überdachten Fahrradständer vor dem Bahnhof, der mir den nötigen Platz und Schatten bot. Ich baute das Hinterrad aus und spürte wie K.O. ich war. Bei jedem Erheben aus der Hocke schwindelte mir, ich musste tief durchatmen und mich anlehnen. Wie ein alter Mann…! Mein rechter Daumen verkrampfte sich so, dass ich ihn mit der anderen Hand öffnen und den Arm dabei verdrehen musste. Dann waren es plötzlich die Finger der linken Hand. Nein! Was ist denn das? So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich beruhigte mich und es wiederholte sich zum Glück nicht mehr. Schlauch raus. Neuen Schlauch rein. Und so weiter. Jetzt war das erst mal wieder gut. Also – wo ist die Rue Lafitte? Noch mal den Stadtplan genommen. Nicht zu finden. Ich rief noch einmal

bei DB France an um sicherzustellen, dass ich mich nicht verhört hatte. Ewige Warteschleife, dann legte ich auf. Wer sitzt jetzt in Deutschland am PC? Ich rief Claudia an. Erwischte sie beim Mittagessen. Sie würde im Internet noch mal nach der Adresse schauen und mich dann zurückrufen. Inzwischen suchte ich die Bahnhofstoilette auf, wusch mir die Hände, soff die halbe Wasserleitung leer. Claudia rief zurück, konnte keine Adresse finden, nur die mir schon bekannte Telefonnummer. Ich dachte dann, ich versuche es mal mit der Rue Lafayette, die ist um die Ecke, vielleicht habe ich mich doch verhört. Also auf zur Rue Lafayette. An der Nummer 139 traf ich auf diese Straße, die Nummerierung ging abwärts. Ich fuhr und schaute, bis ich, weil sie zur Einbahnstraße wurde, wieder schieben musste und – wie ich so vor mich hinschob kam ich zur Ecke Rue Lafitte! Ich konnte mir ein ungläubiges Grinsen nicht verkneifen – ich befand mich im Planquadrat G 4, die Angabe von Falk war schlicht falsch. Hin zur Nummer 20. Fahrrad auf dem Hof geparkt. Der Fahrstuhl funktionierte nicht. Also Laufen, bis in den 5.Stock. Mir war jetzt alles egal. Eine freundliche Dame empfing mich und beschied, ich möge mich setzen und warten. Die Kollegin kam, sie hätte da einen CityNightline-Platz, auch für das Fahrrad. Aber nur bis Stuttgart. Ich bat sie, auch die weitere Verbindung nach Berlin zu prüfen. Da wären noch Intercitys. Aber keiner hatte noch freie Fahrradplätze. Also – Regionalexpresse bis Berlin, Stuttgart ab 04.52 Uhr! Berlin an 15.59! 16 Stunden nach der geplanten Ankunft. Ich stöhnte und willigte ein, und war nach einer Stunde um ca. 200 € ärmer (abgesehen von den 85 € für die verfallene Fahrkarte).
Das war meine teuerste Reifenpanne bisher!

Aus dem DB-France-Büro wieder hinaus auf die Straße gelangt erschlug mich fast die Hitze. Essen gehen. Nach rechts oder links? Rechts ist es sympathischer. Für 20 € eine Plate de Jour und zweimal eisgekühlten Apfelsaft, immer auf mein bepacktes Fahrrad schielend. Ein Clochard, der in einem Eingang gegenüber hauste, hielt mich wohl für einen Luxuskollegen und starrte mich immer mal wieder an. Ich las die Süddeutsche von gestern. Ließ mir Zeit. Inzwischen war es nach 14 Uhr. Ich fuhr hinunter zur Seine, bahnte mir meinen Weg durch Touristenmassen, in der mit der vagen Vorstellung die Beine im Wasser baumeln zu lassen, aber die Wasseroberfläche war für meine Füße unerreichbar, zu tief von der Ufermauer aus.
Weiter zum Jardin de Luxembourg, da kann man sich auf unbequeme eiserne Sitzmöbel oder auf den Rasen fläzen. Ich tat erst das Eine, dann das Andere, machte ein paar heimliche Schnappschüsse sozusagen aus dem Knie heraus, von denen ich die meisten wieder löschte. Um 19 Uhr wollte ich spätestens auf dem Bahnhof sein – der Weg war einfach, immer geradeaus nach Norden, dann trifft man, nachdem die Gegend immer afrikanischer wurde, auf den Ostbahnhof. Ich traf einen Hamburger, der dort ebenfalls mit seinem Fahrrad wartete. Es könnte Sinn machen, die Zugbegleiterin zu fragen, ob sie eine Lösung hat, wie ich schneller nach Berlin komme, denn ein Teil des Zuges fuhr ja dort hin. Nur hatte ich eben Plätze im Münchener Zugteil – bis Stuttgart. Sie versprach, sich zu kümmern, ich müsse dann kurz nach 2 Uhr in Mannheim umsteigen. Es war mir schier unbegreiflich, welch seltsamen Wege dieser Zug nimmt: Es gibt einen Zugteil nach Hamburg, einen nach Berlin und einen nach München. Dieser wird in Mannheim von den anderen getrennt, während ein weiterer Zugteil aus Basel wiederum mit den ersten beiden verbunden wird. Oder so ähnlich. Das 6er-Abteil war voll, heiß und stickig, das Fenster ging mit Gewalt ein Stück auf, die Elektroanlage des Wagens war defekt, – also keine Klimaanlage und – kein Licht.
Ich versuchte zu schlafen, während mir der Fahrtwind ins Gesicht blies, mein Köper sich zwischen meinen Gepäckteilen auf der Pritsche windete – umsonst. Die Schafferin, die ich vor Mannheim ersehnt hatte -„ich wecke Sie dann“, kam erst kurz vor Stuttgart. 04.17 Uhr Ankunft dort. Endlich Stuttgart21 sehen …! Ich schlenderte durch die leeren Hallen, schaute mir alles auch von außen an. Viel mit MP’s bewaffnete Polizei. Ein Seitenflügel fehlte bereits komplett. Was die Stuttgarter an dieser Weltkrieg 1-Architektur so bewahrenswert finden, konnte sich mir nicht recht erschließen. Milliardenausgaben allerdings auch nicht. 04.52 Uhr Gleis 5 statt Gleis 9, wie ursprünglich ausgeschildert. Der RE nach Würzburg trudelte ein, mit zugerosteter Gepäckwagenklapptür, ein Modell aus den frühen 70ern, die Tür könne sie nicht öffnen, meinte die junge Zugbegleiterin. Aber am anderen Ende gabs noch ein Fahrradabteil. Ich lud alles ein und quetschte mich in die Sitze, mal irgendwie liegend, mal irgendwie sitzend. Zweieinhalb Stunden bis Würzburg. Zweieinhalb Stunden dahin dämmernd, lesen ging nicht, da tanzten mir die Buchstaben vor den Augen. Schlafen ging aber auch nicht. Musik hören ging. Noch drei Züge bis Berlin. Drei Regionalexpresszüge, in denen ich durch Deutschland dahin dämmerte, dank der Tatsache, dass die DB sich bis heute nicht entschließen konnte, ICE’s für den Fahrradtransport freizugeben. Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Erfurt lag hinter mir, der RE nach Magdeburg, wo ich dann wiederum nach Berlin umsteigen sollte, hielt in Staßfurt. Ich hatte meine Kopfhörer auf den Ohren und bekam schließlich mit, dass ich plötzlich der einzige Fahrgast im Zug war. Ich erfuhr, dass Kabeldiebe mal wieder die Signalleitungen lahm gelegt hätten und dass Schienenersatzverkehr eingerichtet worden sei oder würde. (Hatte ich nicht in Erfurt extra nachgefragt, ob das wirklich die beste Verbindung wäre, und da die Diebe nachts am Werke waren, hätte man das um 14 Uhr inzwischen wissen können???). Wie auch immer: In praller Hitze warteten gefühlte 100 Menschen auf einen (?) oder mehrere (?) Ersatz-Busse, – mir schwante nichts Gutes und wie ich da in einen Bus mit meinem ganzen Kram hineinkommen sollte, entzog sich meiner Phantasie. Ich musste mir was anderes einfallen lassen. Ein Taxi stand gegenüber, ich fragte, wie weit es nach Magdeburg wäre, 35 km sagte der Fahrer. Ich überlegte kurz, ob ich die mit dem Rad fahren will. Nein, dachte ich, jetzt heute und hier nicht! „Was kostet das nach Magdeburg?“ „Ungefähr 50 €“, meinte der Fahrer, der inzwischen trotz hitzebedingter Unlust realisierte, dass hier was zu verdienen war. Andere Fahrgäste wurden aufmerksam, er telefonierte nach Kollegen, orderte seine Frau mit einem VW-Bus herbei und ich teilte mir den Fahrpreis mit vier anderen Menschen, so dass der Preis erträglich blieb. In einem nur schwerlich als ‚bemüht schnell‘ zu bezeichnenden Tempo, permanent mit dem Handy am Ohr, kutschierte er uns dann zum Magdeburger Hauptbahnhof. Nur – den regulären Anschlusszug nach Berlin verpasste ich, aber eine Stunde später konnte ich wenigstens den nächsten erreichen.
Um 17.30 Uhr erreichte ich schließlich, mit 17 Stunden Verspätung und völlig übermüdet meine Wohnung wieder.




Das Facebook-Reisetagebuch Frankreich 2013

01.08.2013

Ich liege im Zelt. In der Bretagne.
Am „Canal de Nantes a Brest.“
Meine Bluetoothtastatur setzt den Accent nicht.. Aber ohne sie könnte ich hier überhaupt nichts Sinnvolles tippen auf dem Fonepad.
Also: Ich bin unterwegs nach Genf. Von Brest nach Genf genau genommen. Mit dem Fahrrad, wie es sich für mich gehört. An diesem Kanal entlang kann man wunderbar Radfahren. Eigentlich fast die ganze Strecke von Brest bis Nantes, etwa 400 km. Aber gestern schnaufte ich noch durch Nieselregen über die Hügel der Bretagne…, so gut wie NIE ging es mal auf einer Höhe geradeaus, entweder hoch, dann aber so, dass ich auf den leichtesten Gang hoch schalten musste oder so steil runter, dass ich einmal bis auf 53 km/h kam… Eine Landschaft wie ein zerwühltes Federbett! Nach 88 km Chateauneuf,  ein stiller Campingplatz am Kanal, hier änderte ich meine Strecke am Morgen, denn am Kanal entlang kann ich wieder ein vernünftiges Tempo fahren und bei dem Sonnenschein heute immer wieder mal ins Wasser springen, alte Schleusenwärterhäuser bewundern, die autofreie Stille genießen…. Und vielleicht finde ich eine technische Lösung dafür, hier Fotos aus meiner Kamera hoch zu laden, sonst gibt’s die erst hinterher.
(Bilder siehe Link zum Album)

03.08.2013

Abends in Guenroet. Das ist schon nicht mehr ganz in der Bretagne. Aber immer noch am Kanal Nantes-Brest. Die Dame vom Empfang des Campings war sehr besorgt, als sie mich Suppe essend auf meiner Tasche hockend sah und meinte, wir sollten mal schauen, ob sich nicht noch ein Tisch und Stuhl finden ließe (ihr Englisch klang serrr französich), nur leider war zumindest kein Tisch mehr zu haben. Stattdessen brachte dann ein besorgter Nachbar einen Angelhocker und jetzt darf ich zum Tippen auch seinen Tisch nutzen. Apropos der Kanal, dem ich jetzt schon drei Tage folge … Es reicht nun. Langsam hab ich „den Kanal voll“. Ist ja ganz nett auf ebener Strecke zu radeln, aber die Idylle ist begrenzt, es wiederholt sich alles: Mal liegt er links, dann wieder rechts, die Ufer sind inzwischen alle so, dass man kein Problem hätte hineinzuspringen, wohl aber wieder herauszukommen. Also nichts ist mehr mit „mal schnell Baden“. An den Uferwegen stehen Eichen, Pappeln, Platanen, Erlen, Eschen und hin und wieder eine Wilde Kirsche, deren Äste voll mit Früchten leider unerreichbar hoch hängen. Bleiben nur die Früchte, die als „Fallkirschen“ in der Wiese oder auf dem Weg landeten. Ich bückte mich. Da spuckte doch ein eifersüchtiger Vogel eine Ladung Kerne gezielt nach mir! Peng, auf den Rücken, auf mein gelbes Trikot! Allen großstadtsozialisierten Lesern sei gesagt, es handelt sich um kleine Früchte, halb so groß wie die kulitivierten Kirschen, aber ungeheuer herbsüß. Das Anhalten und Bücken lohnt sich!
Und ich pflückte heute die ersten Brombeeren. Da kann man mich dann scharf bremsen sehen! Werde ich jetzt Bilder posten? Ich kann’s ja noch mal versuchen. Gestern klappte es nicht- die Dateien sind zu groß für 3G/UMTS oder wie auch immer die Technik bei SFR hier heißt. Ach, wartet doch einfach, bis ich wieder zu Haus bin. Da kann ich auch sorgfältiger auswählen.

05.08.2013

Blick auf die Loire am Abend auf dem Campingplatz von Gennes. Nantes liegt hinter mir. Auf dem Weg dorthin passierte ich gestern ein Protestcamp. Ach, was sage ich, eine ganze Protestlandschaft gegen den Neubau eines Flughafens für Nantes. Auf 5 km wurde die Straße D 42 zerbeult oder gesperrt mit Barrikaden, die ich nur im Slalom passieren konnte. Die machen das schon seit Jahren,  im Internet findet man mehr darüber. Ein bisschen Gorleben -Atmosphäre in Frankreich. Und nicht ein (!) Polizist, irgendwie seltsam, das würde ja bei uns ganz schief gehen, einfach eine Landstraße demolieren (mit Felsen! und schwerem Gerät). Aber es ist im Web auch zu lesen, dass das Protestdorf schon mal geräumt wurde. Nun ja, es wächst nach. Und von Flughafenabenteuern sollte man ja eh die Finger lassen, siehe BER- … Gestern hab ich noch ein Paar aus Ilmenau getroffen und wir haben zusammen Wein getrunken. Den von hier natürlich. Jetzt habe ich dank Rückenwinds und moderater Strecke 110 km hinter mir, da kann ich mir morgen mehr Zeit lassen und mal schauen, wer mich dann vom Schreiben abhält.

06.08.2013

Was mache ich bloß mit so viel Kultur? Im Loiretal erschlägt es mich förmlich. Mein alter Kunstgeschichtslehrer Heiner Knappe (Schöpfer des „Minol-Pirols“, also des DDR-Tankstellen-Logos) würde sich angesichts der Tatsache, was ich alles so links liegen lasse, im Grabe umdrehen…. Nun, wie auch immer, es wird mir echt zu viel: In mir streitet der Bildungsbürger mit dem Fotografen (ja ja, ihr kriegt eure Bilder noch) und mit dem Radfahrer. Am Ende zieht der Erste den Kürzesten. Besonders heute morgen hinter Gennes, da kommt nämlich gleich Saumure mit all dem, was an romanischen und gotischen Kirchen, in den Fels gehauenen Schlösschen und 5 – Sterne – Weingütern am Wege liegt. Aber so ignorant bin ich ja gar nicht, ich habe die atemberaubend schlichte Schönheit der Prioratskirche „Notre Dame de Cunault“ gebührend gewürdigt, ihr Turm ist moosbewachsen wie der einer kambodschanischer Pagode. Hingegen war ich für das Schloss Villandry zu spät um es (immerhin) ein zweites Mal (!) zu besuchen. 2002 bin ich ja schon mal auf dem Weg von Biarritz nach Paris auch hier vorbei gefahren und hineingegangen. Die Hecken haben sie so hoch wachsen lasse, dass höchstens ein Zweimeter – Mensch davon sinnvolle Fotos von außen machen könnte. Wo käme man auch hin, wenn hier alle kostenlos…
Na ja, jetzt sitze ich ein paar Kilometer weiter in Savonyère in einem Lokal und trinke ein seltsames Bier mit einer Zitronenscheibe, hm lecker. Hier habe ich damals gezeltet und morgens ein paar überirdische Fotos vom Sonnenaufgang im Morgennebel gemacht, – also Wecker stellen, mal sehen wie es morgen früh ausschaut.

08.08.2013

Heute bin ich in Sainte Ay gelandet, immer noch an der Loire, 20 km vor Orleans. Das Radfahrwesen hat in Frankreich einen ungeheuren Aufschwung genommen, zumindest an der Loire! Voriges Jahr in der Normandie war derartiges nicht zu beobachten: Familien – Papa, Mama (bitte endbetont), plus eins, zwei, drei Kinder und Gepäck (Zelt!) auf Rädern angemessener Größe. Pädagogisch korrekt haben diese ebenfalls kleine Packtaschen an den Kinderfahrrädern. Ist der Nachwuchs zu klein gibt es den Anhänger Typ „Chariot“, ist er groß genug, landet das Gepäck da drin. Wer keine Kinder mitnimmt, hat immerhin einen Gepäckanhänger, die sind hier total in. Ja – und man wird gegrüßt. Ständig klingt einem ein fröhliches „Bon Jour“ entgegen. Radfahrer grüßen einanander! Absolutement en France! Ich kenne das nur aus polnischen Dörfern: Ein zu „…dobry!“ verkürztes „Dzien dobry“. Was gibt es noch Seltsames? Ach ja, ich wüsste gern warum auf einem Teil der Campingplätze selbstverständlich Toilettenpapier vorhanden ist und auf den anderen nicht. Und das hat nichts mit deren Preislage zu tun. Ich ärgere mich. Ganze Rollen sind für mein Gepäck unpraktisch und zu groß und einzelne gibt’s nirgends zu kaufen. Also muss ich irgendwo unterwegs in einer Gaststätte die Rolle verkleinern. Armes Land.

Aber jetzt noch richtig Kultur. Nein, nicht Chambord. Da war ich schon. Auch nicht Blois, obwohl es ein der schönsten Stadtansichten hat, die ich kenne. Mindestens wie Dresden. Aber was passierte? Der Akku vom Fotoapparat war leer. Watt nu? Ich suchte ein Fotogeschäft, damit ich ihn da dann aufladen könnte und – fand keins. Aber mindestens fünf Optiker. Na, dachte ich, versuch es mal bei der Touristeninfo, die sind doch berufsmäßig nett. Als ich die Informationsdame fragte, ob ich mal eben hier für eine Stunde mein Ladegerät in die Dose stecken könnte, schaute die mich an, als ob ich gefragt hätte, ob ich hier mal eben Kaffee kochen könnte. Sie rief ratlos irgendeinen Chef an, um mir dann zu sagen, das ginge nicht, das sei hier privat und – ein deutsches Gerät (keine Bombe übrigens) – zu gefährlich. Ihre Kollegin meinte dann aber sinngemäß, „Na komm, wenn er so lange dabeibleibt … „.  Also durfte ich mich still in eine Ecke setzen und meinem Akku beim Laden zusehen. Ist doch auch was. Er explodierte erwartungsgemäß nicht. Dann war es schon Mittag und meine Lust auf Blois – Besichtigung merklich geschwunden. Aber: Ich hatte mir fest vorgenommen, schon auch um meinen „inneren Bildungsbürger“ zu besänftigen, das Schloss in Meunge (wie spricht man das korrekt aus?) zu besichtigen. Hab ich dann auch gemacht, es war eine Art Museum historischen Lebens in Schlössern und vorher die fast rein romanische Abteikirche in Beaugency. Ich liebe Romanik und Gotik, am liebsten aber ohne architektonische Kommentare späterer Epochen. Dafür musste sich mein Radfahrer-Ego mit dürftigen 63 km zufrieden geben. Ich höre auf. Ich sehe die Tastatur nicht mehr. Zu dunkel um 21.44 Uhr.

09.08.2013

Ich sitze bei einem Bier in der Campingplatz – Bar von Gien, denn zum Tippen brauch ich einen Tisch. Da ich versehentlich alles weggeklickt habe, kann ich es noch mal schreiben… Ich erwähne jetzt nicht die Kathedrale von Orleans und die oberleitungslose Straßenbahn, aber doch die älteste Kirche auf französischem Boden (Karolingerzeit, 806, Frankreich gab es noch nicht. Prag und Paris lagen im selben Land.) Diese ist in Germigny-des-Pres und erhält ihre besondere Bedeutung durch ein Mosaik aus jener Zeit. Romanik in Urform. Wenige Kilometer weiter gibt es in St-Benoit-sur-Loire wieder eine bemerkenswerte romanische Basilika mit einigen Reliquien des Benedikt von Nursia, Günder des Benediktinerordens. Obgleich ich weder jemals katholisch war noch überhaupt in der Kirche in, habe ich vor solchen Orten einen gewissen ehrfürchtigen Respekt. Immerhin eine kirchengeschichtlich und insofern auch kulturgeschichtlich bedeutende Person. Das Schloss in Sully ließ ich aus. Das wurde mir zu viel, obwohl es wie auf dem Präsentierteller vor mir lag.

Die französischen Autofahrer (ausgenommen die Pariser!!!) … mein Gott sind die höflich. Immer wieder passiert es, dass ein PKW hinter mir herschleicht, weil sich der die Fahrer_In nicht zu überholen traut, ohne dass es einen triftigen Grund gäbe. „Nu mach schon!“, denke ich, bis ich schließlich genervt anhalte. „Jetzt fahr!“ Endlich. Mensch traut sich tatsächlich. Was die Pariser betrifft, die sich einen Sport daraus machen, dir beim Verlassen eines der zahlreichen Kreisverkehre den Weg abzuschneiden, lass alle Hoffnung fahren und rechne als Radfahrer in Paris mit ALLEM. Bloß schnell weg da, sag ich mal so, als Radfahrer. Obwohl sie enorm was getan haben und ganz viele Fahrradspuren in den letzten Jahren in die Stadt hineinverteilt haben – erst sind sie rechts, dann urplötzlich links, dann in der Mitte, na ja wo gerade Platz ist. Sieht man doch.

(Später las ich dann, dass man in französischen Kreisverkehren links Zeichen geben muss, wenn man nicht (!) abbiegt, gibt man kein Zeichen, bedeute dies, dass man rechts den Kreisverkehr verlässt … na ja, kein Wunder dann…)

Und ich sehe jetzt mal nach meinem Zelt.

10.08.2013

Heute konnte ich ohne schlechtes Kulturgewissen einfach drauf los fahren. Nichts Bedeutsames forderte meine Aufmerksamkeit. Das Wetter beschert mir seit gestern einen freundlich kühlenden Rückenwind, so lieb ich das. Fourchamboult heißt das Kaff kurz vor Nevers. Mit keiner geöffneten Kneipe. Oder doch, aber da traute ich mich nicht rein. Zu viel pubertäres Testosteron auf der Straße davor. Also ich fasse mich kurz heute, 105 km hab ich in den Knochen und kam auf die Idee, statt nach Genf nach Basel zu fahren. Da führt der EV6 (=Euroveloroute 6) sowieso hin und von der Loire aus immer am Kanal lang. Ich hab nur noch nicht durchgerechnet, ob das für die verbleibenden sieben Etappen realistisch ist und ob die Strecke attraktiver ist als nach Genf. Man käme dann ins südliche Elsass und muss vor Mulhouse rechts abbiegen. Meine Fahrkarte gilt ja auch ab Basel.

11.08.2013

Also das war bestimmt die langweiligste Etappe und die längste. 114 km. Nicht weil ich das so geplant hätte, sondern weil sämtliche km-Angaben in den Karten und Streckenbeschreibungen nicht stimmten. Ich plane so gut wie nie über 100 km! Im Grunde bestand die Etappe aus vier Teilen: Morgens die 15 km nach Nevers (bitte nicht versehentlich englisch aussprechen). Hier kann man die soziale Lage Frankreichs außerhalb der Touristen- und Kulturhochburgen besichtigen (wie auch schon in kleineren Städten vorher): Bröckelnde Fassaden, geschlossene Läden, viele Häuser die zu verkaufen sind. Dann das Stück bis zum Mittagessen. Ich fuhr eine Weile vor vier Radfahrern her, die ich aufgrund ihrer deutschen Ausrüstung für Deutsche hielt. Waren sie aber nicht. Aber ich ließ sie dann an mir vorbei und merkte, wie schwer es mir fällt, mich NICHT auf andere zu beziehen, nur weil sie nett sind und in die gleiche Richtung fahren: Nämlich der Versuchung zu widerstehen, mit ihnen Schritt zu halten, wenn sie ein etwas höheres Grundtempo als ich haben. Da ging mir so Einiges durch den Kopf: Weshalb ich eigentlich die meisten Touren allein mache. Dass es noch möglich ein sollte, sich mit einem anderen über das Tempo zu verständigen, aber wie viel schwerer mit Mehreren.

Zum Glück bogen sie dann ab. Und ich musste nicht testen, ob sie überhaupt Lust auf meine Gesellschaft gehabt hätten. Dann kam die lange Geradeaus-Strecke mit steigenden Temperaturen und ebenfalls wachsenden Steigungen, die nicht enden wollte. Und – was – wie? Immer noch 55 km bis Digoin?? (Es waren ja jetzt schon über 60…) Das sind dann so Momente, wo ich die Zähne zusammenbeiße und einfach weiter in die Pedale trete. Ha! Und dann endlich … es geht runter … der „Velo Verte Radweg“ ist wieder da … und es weiter die letzten 21km wieder an einem Seitenkanal der Loire entlang. Dieser Kanal ist ein Teil eines Systems, dass Seine und Loire, Rhein und was weiß ich alles noch untereinander verbindet. Theoretisch könnte ich bis Berlin paddeln… Ein Wunderwerk der Ingenieurskunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Kanal liegt oft höher als die Loire und überquert Straßen und andere Flüsschen per Brücke! Ökonomisch kam das alles zu spät, die Konkurrenz der Schiene war zu groß. Heute wird das nur noch für die Freizeitkapitäne und vielleicht deshalb in Stand gehalten, weil es z.T. technische Denkmäler sind und weil man das alles nicht folgenlos vergammeln lassen kann. Die Treidlerwege werden jedenfalls immer mehr zu Radwegen ausgebaut. Ja und tatsächlich fand ich eine Stelle, wo ich nicht nur reinspringen, sondern auch wieder rausklettern konnte. Puh, das tat gut. Der Salzgehalt des Kanalwassers ist durch meinen Schweiß bestimmt erheblich gestiegen!

13.08.2013

Gestern habe ich nichts geschrieben, weil ich mich mit einem Schweizer Radler (heißen die so? Die fahren doch Velos?) namens Daniel aus der Nähe von Zürich zum Essen traf. Das war in Chagny. Und ich hatte es geschafft, wieder unter 100 km zu bleiben. Dieser Daniel fuhr mal eben für eine Woche hoch ins Massive Central. Er war auch schon in Südamerika mit dem Rad. Oder dem Velo. Genug Gesprächsstoff. Danach schief ich schlecht, meine Unterlippe brannte, sie hatte sich trotz einer ganzen Palette Schutzmaßnahmen wieder entzündet. Ich hoffe mit zusätzlichen pharmakologischen Waffen heute Nacht auf Ruhe.

Meine diesjährige Tour ist im Detail so was von ungeplant…, da passiert es einfach, dass ich auf einer zum Radweg umgebauten ehemaligen Bahnstrecke lande (was ich natürlich kurzfristig recherchiert habe). Voie Verte Nr.1. Vorbildlich ausgebaut, die Bahnhöfe verfallen nicht, sondern dienen als Touristeninformations-Büros und ähnlich sinnvollen Zwecken. Im Cafe Papillion an der Strecke gibt es Politsatire auf französisch (soweit sich das mir erschließt) und fast alle deutschen Biere (Flasche für 3,50 €), ich wollte aber Kaffee und bekam ihn auch. Der Betreiber spricht auch deutsch. Kurz darauf kam – Taizé! Ach hier liegt das? Ich war ziemlich überrascht, konnte mich aber unvorbereitet nicht entschließen, da jetzt einfach mal neugierig reinzuschneien. Die haben sicher auch ihr festes Programm, da kann man nicht einfach mal eben so…., dachte ich zumindest und erinnerte mich, welche Komplikationen ein derartiges Ansinnen 1997 in der Gemeinschaft von Tamera mit sich brachte. Also blieb es bei ein paar Doku – Fotos aus respektvoller Distanz.  10 km weiter kommt dann Cluny, das war mal DIE Hochburg der Benediktiner, am Hang des Saone – Tals gelegen. Ein mittelalterliches Städtchen, das so voll von Touristen war, dass ich gleich erst mal wieder die Flucht ergriff (ich hasse Getümmel) und auf dem örtlichen Campingplatz landete. Jetzt haben sich die Tagesausflügler verzogen und ich sitze in einem Café, die Abtei im Rücken. Wirkt alles irgendwie italienisch. Seltsam. Morgen früh guck ich noch mal genauer hin.
In französischen Lokalen habe ich immer die Unsicherheit, ob man da einfach nur etwas trinken kann, nachdem ich was das betrifft 2002 auf der Insel Aix mal einen Reinfall erlebte. Seitdem gehe ich in solchen Fällen in nichts was „Restaurant“ heißt. Mindestens muss noch Café oder Brasserie oder Bar als Zusatz dran stehen. Ich nehme an, die Schlussfolgerung ist richtig. Oder?
Die Reise nähert sich dem Ende. Sollte ich ab übermorgen hier nichts schreiben, dann bin ich vermutlich nicht in der Rhone ertrunken, sondern meine SIM-Karte war dann leider doch auf 15 Tage befristet.

15.08.2013

Ich überlege gerade, ob es schon mal eine Reise gab, bei der ich NICHTS verloren habe. Vermutlich nicht. Oder doch? Ich weiß es nicht. Diesmal waren es (bisher) zwei Dinge: Ein Hemd, das ich beim Sachenwechseln an der Straße bei Hitze wohl locker aufˋs Gepäck gelegt haben muss, so dass es dann irgendwo vom Fahrrad fiel und heute mein Brotmesser, das mich seit Jahren begleitet (!) und auch sonst im Alltag mein Universalmesser ist. Nun leistet es in Lyon einem Finder Gesellschaft. Zum Glück muss ich mein Brot nicht brechen, es gibt noch ein Klappmesser, eigentlich als Teil eines Universalwerkzeugs.

Dieser Platz hier ist der schönste der ganzen Reise. 70 km hinter Lyon an der Rhone, an einer Stelle, wo sie durch Aufstauen ca. 1 km breit ist. Wie ein See. Ich war schon Baden, obwohl es sicher wie bei allen unbeaufsichtigten Gewässern in Frankreich verboten ist. Ich habe auch noch keinen todesmutigen Franzosen in einem wilden Gewässer, das mehr als knietief ist, baden sehen. Merkwürdig das. Die Ufer sind ja auch allenthalben badeunfreundlich gestaltet, die Bootsstege zu hoch oder ohne Leiter. Bevor du in Frankreich ins Wasser springst, schau erst, ob du auch wieder raus kommst… Ansonsten: Baignade interdite!

Die Reise geht dem Ende zu. Noch 117 km bis Genf. Das werde ich in zwei Teile teilen und Samstag ganz seelenruhig zum Zug fahren. Ich will mich in der teuren Schweiz nicht länger aufhalten als nötig. Ich habe die Planungsänderung nach Basel wieder fallen gelassen.

16.08.2013

Kennt jemand Seyssel? Also das ist ein superniedliches Städtchen an der Rhone im Departement Haute-Savoyen. Eine verwinkelte Altstadt mit Wohnzimmergemütlichkeit. Um die Ecke spielt eine Band (Gitarre, Geige, Stimme, Schlagzeug) fetzigen Kitsch bei irgendeinem Fest. Besser als die Kinderferienlager-Party auf dem Campingplatz, vor deren Gelärme ich die Flucht ergriffen habe.

Landschaftlich gesehen war das die schönste Etappe bisher, immer in Flussnähe, das Rhonetal begrenzt von den Alpes du Rhone einerseits und den letzten Ausläufern des Jura andererseits. Ich badete todesmutig noch einmal im Fluss, während zwei blauweiße Schmetterlinge meine blauweiße Mütze bezirzten. Während der Fahrt kommen mir immer so viele Gedanken, die ich sofort (!) aufschreiben müsste. Abends ist dann alles weg. Was macht man dagegen?

Heute früh hatte ich als Lichtjäger noch das Erlebnis, auf das ich die ganze Zeit gewartet hatte, DIE Stimmung nach Sonnenaufgang… Dunst liegt über dem Wasser … einzelne Schwäne … ein paar Angler … Rauchschwaden über Dächern … ich bin gespannt, was meine neue Kamera daraus gemacht hat.

Jetzt frage ich mich, für welchen Geisterzug morgen ich die Fahrkarte gekauft habe: Stelle ich eine Verbindungsanfrage bei DB oder SBB werden alle möglichen Züge nach Basel aufgeführt, nur nicht dieser um 17.18 Uhr. Seltsam. Irgendwie irritiert mich das. Aber der Zug hat eine Nummer und gekostet hat er auch was. Nicht dass die mir erzählen, ich hätte eine Fahrkarte von Genéve in Quebec gekauft….

Was gibt es noch? Zu viele Steigungen bis Genf bei der Hitze morgen fürchte ich. Dann werde ich einen persönlichen Rekord für Strecke/Zeiteinheit eingestellt haben, es werden nämlich über 1600 km sein, das sind mehr als 90 pro Tag. Kommt davon, wenn man das ganze Loire-Tal abfährt, statt spätestens am Fluss Cher abzukürzen. Ich dachte vorher höchstens an1300. Dafür habe ich auch noch NIE durchgehend Tagebuch geschrieben und das auch noch der ganzen Welt, dem NSA, dem BND und – wie heißen die hier en France – Surité? – ja und natürlich meinen geneigten Lesern mitgeteilt. Soll ich das immer machen, wenn ich verreise?
Am Sonntag gibt es eine Ankunftsmeldung aus Berlin/Germany. Falls nicht, muss ich wohl als vermisst gelten.
Ach noch was, am Montag den 5.8. rauchte ich meine letzte Zigarette, fällt mir gerade ein, als mich ein Kerl vollqualmt.

17.08.2013

Soeben die Schweizer Grenze passiert. Meine französische SIM-KARTE hats noch nicht gemerkt!

Genf naht.

Nachtrag: Den Zug, den ich nicht fand, fand ich auch auf dem Genfer Bahnhof nicht. Er fiel „planmäßig“ aus und ich durfte einen anderen nehmen, mit dem ich gerade noch rechtzeitig nach Basel kam, um dort meinen CityNightline nach Berlin zu erreichen.

Radreisen vor 2015

Mit einem Klick auf die Überschriften geht es zum jeweiligen google-Album (sofern vorhanden).

2014: Von Karlsruhe nach Marseille (1187 km)

Ich erkundete Frankreich auf einer Nord-Süd-Strecke und hier kann man
mein Reise-Tagebuch
lesen.

2013: Brest – Nantes – Tours – Lyon – Genf (1600 km)

Eine West – Ost -Durchquerung Frankreichs bis in die Schweiz zum Genfer See und mein witziges
facebook – Reisetagebuch

2012: Rennes – Mt.Saint Michel – Barfleur – Rouen – Paris (980 km)

Endlich den Mont Saint Michel sehen und dann entlang der Normandie – Küste und der Seine bis Paris
und – Das Rückreisedrama!

2011 Polen: Kostrzyn-Grudziadz-Gdansk-Olsztyn (960 km)

Polen von West nach Ost fast durchquert

2010: Schweden: Airport Arlanda- Uppsala-Alandinseln-Stockholm (870 km)

Lassen sich die Aland Inseln sinnvoll in eine Radreise intergrieren? Es geht! Und sie sind wunderschön.

2009: Oslo – Trelleborg (1128 km)

Einmal in Norwegen starten und dann (aus Kostengründen) schnell wieder nach Schweden.

2008: Dänemark 2 – Niebüll bis Skagen und zurück (854 km)

Das dänische Festland: Erst noch das Emil-Nolde-Museum besichtigt und dann über die Grenze bis hoch nach Skagen und zurück entlang der Ostküste

2007 Dänemark 1 – Kiel – Fyn -Langeland-Lolland-Møn-Falster (644 km)

2006: Baltikum (980 km)

Estland

Lettland

Litauen

Bei allen früheren Bilder handelt es sich um gescannte Diapositive!

2005: Einmal längs durch die Niederlande (Aachen – Groningen)

Ich hatte nur eine Woche Zeit, genug für die Durchquerung eines kleinen Nachbarlandes

2003: Entlang der Donau von der Quelle bis Passau und dann quer durch Böhmen bis Schmilka (Sachsen) 1100 km

Das war der heißeste Sommer bis dahin. Bei 35°C entlang des Donau-Radweges und dann nordwärts durch den Bayerischen Wald über die tschechische Grenze

2002: Biarritz – Paris (960 km)

2001: Görlitz – Wien – Budapest (900 km)

(zufällige Reihenfolge)

1999: Südschweden (550 km)

1998: Lappland – von Rovaniemi über Kirkenes, die Varanger Halbinsel, Kautokaino nach Kolari (1573 km)

(zusammen mit Mirka H.) Reihenfolge zufällig

1997: Porto – Lissabon – Sevilla – Gibraltar – Faro (1800 km)

Unterwegs besuchte ich die alternative Gemeinschaft Tamera

1995: Neuseeland (930 km)

Ich besuchte in diesem Jahr die umstrittene alternative Gemeinschaft Centerpoint und machte anschließend eine 3-wöchige Radreise über die Nordinsel und die Nordspitze der Südinsel

1994 Vorarlberg-Chur-Luzern-Basel-Karlsruhe (792 km)
1993 Toulouse-Pyrenäen-Bastia-San Sebastian (980 km)
1992 New York City– Adirondacks – Niagara Falls (1260 km)
1991 Garmisch Partenkirchen – Pisa -Florenz – Elba (960)
1991 Radtour Pellepones (Gruppenreise) Erste Radreise „im Westen“ nach der Wiedervereinigung (600km)
1989 Greifswald – Danzig (800 km)
1986 Sofia-Varna-Constanta (Bulgarien) (900 km)
1983 Ruse-Achtopol (Bulgarien) (600 km)
1981 Budapest – Cluj (Klausenburg) (500 km)
1977 Berlin – Meiningen (300 km)
1975 Craiova-Vidin-Sofia-Schwarzes Meer (600 km)
1972 2.Ungarnrundfahrt (960 km)
1971 Dresden – Budapest (900 km)
1970 1. Ungarnrundfahrt über 1400 km
Alle Radreisen zusammen ca. 47 740 km (Stand 2021)

United Kingdom – die Bilanz

Jetzt bin ich ein paar Tage zuhause und dabei, alles noch einmal nachzuarbeiten:
Kaum ein Bild wird unbearbeitet veröffentlicht (außer vielleicht denen, die schon im hier Blog sind), fehlende Bilder  werden ergänzt (es lohnt sich also, hier noch mal die Kapitel der Reise durchzublättern). Tippfehler werden verbessert, aber das ist eine unendliche Geschichte …

Die gps-Tracks der gesamten Route habe ich zusammengefügt, man kann die Strecke jetzt hier bewundern. 
Den Schnipsel von Aberdeen bis Montrose habe ich weggelassen. Rechne ich ihn dazu, sind es 1623 km gewesen.

Ich war unzufrieden mit mir, und das konnte man sicher auch beim Lesen spüren. Ich komme immer wieder an Punkte, an denen ich glaube das Alter zu spüren oder vielleicht ist  einfach mein mangelndes Training.  Ja, so ein Fahrt ist immer wieder ein dickes Stück Selbsterfahrung im Kampf gegen die eigene Ungeduld. Aber auch immer wieder das Erleben fremder landschaftlicher Schönheit und der Natur.
Ich beobachte viel und mache mir meine Gedanken über die liebenswerte englische Umständlichkeit und seltsam anmutende Gewohnheiten, wie eigentlich eindeutige Verkehrszeichen noch einmal mit Aufforderungen zu versehen: S-Kurve: „Reduce speed now!“
Und dann ein dickes SLOW auf der Straße. Ob das mehr hilft als bei uns ohne diesen Hinweis?
Oder eine Steigung, bei deren Oberkante man nicht sieht, wie es weitergeht: „Blind summit“. Was denn sonst?  Bushaltestellenüberdachungen stehen alle „falsch herum“ und sind zur Fahrbahn hin geschlosssen, auch Bänke am Wegesrand stehen immer mit dem Rücken zum Weg.
Ach und der Linksverkehr. Selbst am Ende musste ich immer noch wieder aufpassen, beim Einbiegen in eine andere Straße nicht instinktiv auf die rechte Seite zu wechseln. Ein paar mal ist es mir passiert, zum Glück bremste ich sofort, hielt an und so passierte dann nichts – aber einmal fast, als ich beim Rechtsabbiegen nicht „übersetzte“, dass ich ja auf erst den Gegenverkehr warten muss, wie bei uns beim Linksabbiegen. Prompt bekam ich eine pädagogische Abmahnung ein paar MInuten später im Supermarkt von einem besorgten Herrn, der das wohl gesehen hatte…
Nachdem ich dann inzwischen umgelernt hatte, entgegenkommenden Radfahrern links auszuweichen statt rechts, wäre ich auf dem Heimweg vom Flughafen Tegel fast mit einem entgegenkommenden Radfahrer zusammengerasselt …

Will ich noch mal nach Großbritannien? Ich glaube nicht. Jedenfalls nicht mit dem Fahrrad. Mein Vorurteil, dass mir das Wetter zu wechselhaft ist, wurde in der zweiten Hälte, so ab Lancaster, absolut bestätigt. Kalter Wind, Regen und nass geschwitzte Kleidung passen nicht so gut zusammen. Aber nett sind sie, oft überraschend hilfsbereit (bis auf die Fahrradmechaniker) und sehr neugierig, wenn jemand etwas in ihren Augen ungewöhnliches tut.

 

 

 

England – und weiter geht’s

In Overton (was ich gerade wegen der ältesten Eiben Englads erwähnte), hatte ich in meinem Gastgeber einen entschlossenen Brexit-Anhänger, was sich beim Essen im örtlichen Pub herausstellte.

Ich versuchte mein Möglichstes an Verständnis zu zeigen, was angesichts seines Manchester-Dialekts etwa so schwierig war, wie als Ausländer einem Bayer zuzuhören. In einem musste ich ihm recht geben, die EU hat zu viel über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden. Als ich dann aber meinte, dass genau das die Populisten wie die UKIPP ausnutzen würden und er seine Sympathie für Nigel Farage zeigte und bedauerte, dass der nicht mehr Stimmen bekommen hat (das ist in etwa das Pendant zur AFD), lenkte ich lieber zur Frage, ob wir auf der Welt nicht gerade wichtigere Probleme hätten. Da fiel ihm dann nicht mehr viel ein. Achja, Fluchtursachen bekämpfen … wobei ich ihm wieder zustimmte. Wenn ich mal wieder auf kleine scheinbar nebensächliche Landstraßen komme, auf denen manchmal ein Verkehr wie auf der Autobahn herrscht, muss ich über seine Bemerkung nachdenken, dass Großbritannien zu klein sei für noch mehr Menschen (die dann auch irgendwann Auto fahren wollen) …

Im vorigen Kapitel schränkte die Hilfsbereitschaft der Engländer unter Verweis auf die Fahrradmechaniker ein. Ich hatte nämlich ein ernst zu nehmendes technischen Problem, dass dazu führt, dass beim Bergauffahren der Antrieb einfach durchrutschte, als würde man auf glattem Eis starten wollen. So konnte ich nicht weiter fahren und meine Selbsthilfemöglichkeiten sind werkzeugtechnisch begrenzt. Also bewegte ich das Rad irgendwie zum nächstbesten Fahrradladen. Der Mechniker bedauerte, zu viele Auftäge, zu kleiner Laden und schickte mich zur Konkurrenz, einem größerem imposanten Laden mit Café an Bristols Yachthafen gelegen. Ein neugieriger Lehrling nahm sich meiner an, der aber so wenig Ahnung hatte, dass ich ihm mehr sagen musste, was er machen soll, als dass er von selbst drauf kam, und auch noch mit eigenem Werkzeug aushalf. Als dann der Herr Mechaniker höchstpersönlich dazu kam und meinte, bei DEM Problem ist mal eben mit schnell herumschrauben wahrscheinlich sowieso nichts getan, aber Zeit hätte er keine und ein Zauberer wäre er auch nicht, hatte ich erst mal die Nase voll. Mr. Lehrling hat auf meinen Rat hin die Zahnkranzkasette noch mal fester gezogen und, weil es zum Losfahren zu spät war, buchte ich ein Bett in der Jugendherberge um die Ecke. Als ich am nächsten Morgen startete, kam ich ganze 8 km weit, bergauf übrigens, bis nichts mehr ging. Gleiches Problem wie am Tag zuvor. Ich war verzweifelt, rief Holger in Berlin an, der aber auch keine erleuchtende Idee hatte. Also erst mal bergab und zurück zur Jugendherberge… Ich suchte dann weitere Fahrradhändler auf. Nummer 3 schickte mich gleich zu Nummer 4, dort bot ich inzwischen verzweifelt den doppelte Preis an, wenn sie mir helfen würden – nein, dass sei nun gar nicht die Geschäftspolitik des Ladens – und erhielt stattdessen einen Zettel mit den Adressen dreier kleinerer Händler, die seien flexibler (was mir nun gar nicht plausibel erschien, siehe oben, erster Laden). Ich suchte mir im Internet den heraus, der gerade umgezogen war. Rief an, wie lange er noch da sei, bis 16 Uhr, es war drei und ich beeilte mich. Da stand er in seinem kleinen Bahnbogen-Laden und schüttelte den Kopf, nein eigentlich könne er auch nicht viel machen und wenn er Ersatzteile bestellen müsste, dann seien die auch erst mal soundsolange unterwegs, immerhin: Er nahm einen Schraubenschlüssel und stellte fest, dass diie Hinterradmuttern gar nicht fest angezogen waren. Die zog er jetzt mal kräftig an, und das war’s. Ich konnte es icht fassen, denn das hatte der Lehrling in Laden 2 verbockt! Die simpelste Ursache – und seitdem ist das Durchrutschproblem gelöst. Und ich hatte eine weitere Nacht in Bristols Jugendherberge…

Inzwischen bin ich ja in Liverpool, wo ich noch mal einen Tag Pause eingelegt habe, denn ich will hier nicht a tempo alles abspulen. Meine freundlichen warmshowers-Gastgeber erlaubten mir eine 2.Nacht (pensionierter Psychologe und Frau, die sich in Sterbebgleitung weiterbildet). Ich weiß im Moment nicht, ob ich die Gesamtstrecke kürzen muss wenn ja, wie. Ich werde sehen. Da es zur Fahrradmisere nicht viel zu bebildern gab, jetzt noch ein paar taufrische Aufnahmen aus Liverpool.

Der Weg am ehemaligen Pier entlang ist kilometerlang

Schottland und das Ende

Wie ich im Nachtrag zum vorigen Kapitel schrieb, gab es Stress mit der Fährgesellschaft, aber ich kam ansonsten ohne weitere Umstände morgens um 7 pünktlich und unausgeschlafen in Aberdeen an.

Die Fähre

Aberdeen, Samstags 7 Uhr

Schottische Golfer sind hart gesotten

Es war sonnig, kühl und rückendwindig, was natürlich erst mal nicht so schlecht klingt. Aber mein Wunschtraum von einer flachen Strecke platzte bald und auch meine Illusion mindestens 100 km zu fahren. Mir war die Energie völlig abhanden gekommen und ich quälte mich von Hügel zu Hügel mit dem Gefühl, überhaupt nicht vorwärts zu kommen.

Stonehaven

Küste bei Stonehaven

Schloss am Meer, Name vergessen

Und plötzlich war ich in Griechenland …

Dazu kam dann noch die Wettervorhersage, die für den nächsten Tag nicht nur starken Gegenwind, sondern auch noch heftigen Regen ankündigte. Also machte ich nach 70 km in Montrose Schluss und entschied, den Rest bis Edinburgh mit der Bahn zu fahren, also noch etwa 160 km. Erst mal nahm ich mir das billigste Hotel -interessanter Laden mit Pub und Restaurant, im Pub schwofte das Volk bei einer Fußballübertragung und später Tanz, getrennt davon das Restaurant, gediegen aber … naja, über die britische Küche lass ich mich jetzt hier nicht aus. Ich recherchierte online nach einem Zug, fand dabei aber auch heraus, dass es in Montrose einen Bahnhof mit Personal (!) gab, und tatsächlich saß dort ein lebendiger Mensch an einem Schalter, der mir nicht nur eine Fahrkarte, sondern auch eine Fahrradkarte einschließlich Platzreservierung verkaufen konnte! Nur meinen warmshowers-Gastgeber Aaron konnte ich nicht erreichen, er rief mich auch nicht zurück, so dass ich mir für die erste Nacht in Edinburgh eine Jugendherberge suchte, „Safestay“ heißt sie.

Tatsächlich regnete es dann am nächsten Tag wie angekündigt. Der Zug wer pünktlich, die Herberge gleich im Zentrum in der Altstadt um die Ecke. Ich bekam nur ein Bett in einem gemischten Zimmer (eine Chinesin und ein spanisches Paar), sowas habe ich in einer Herberge noch nicht erlebt. In Edinburgh war gerade der vorletzte Tag des jährlichen Kulturfestivals „Fringe“.

Ich suchte mir aus dem Veranstaltungskalender etwas heraus, das mich interessieren könnte … Mahlers Achte war schon ausverkauft, aber eine Werbung für St.Vincent (Annie Clark) klang vielversprechend und so erstand ich für 35 Pfund eine Karte.

Annie Clark (links)

Eigentlich hat sie ja eine sehr schöne Stimme, nur wurde die dann völlig heavymetal-artig von Bass, Drums und Synthesizergetöse übertönt, so dass nicht nur kein Wort verstand, sondern auch vom Musikgeschmack her etwas über meine Grenzen kam … Ich kam aber doch lebend wieder heraus. Hier ein paar Nachtaufnahmen:

Ich finde, dass Edinburgh eine bemerkenswerte Stadt ist. Sowohl von der Lage her als auch architektonisch. Die Altstadt ist auch Weltkulturerbe. Nichts wobei ich denke: „Hab ich schon x-mal gesehen“. Aber alles auch in den typischen „fifty shades of grey“ … selten mal andere Farbtöne.

Am nächsten Tag meldete sich mein Gastgeber Aaron, er musste mal schnell seine Freundin in Oregon besuchen und entschuldigte sich, nicht auf Empfang gewesen zu sein. Ja, selbstverständlich könne ich gleich kommen. Er hat auch schon die USA mit dem Rad durchquert, macht Musik, ist ein 26-jähriger Typ hübscher Junge, etwas chaotisch, und mit Studienabschluss BWL macht er sowas wie Jugendsozialarbeit…

Hier noch mehr von Edinburgh:

Thüringer Bratwurst oder Berliner Currywurst für 6 Pfund!

Köstliche Gebäckminiaturen am Rande des Festivals

Das schottische Parlament

Das schottische Parlament … Symbol für Zerrissenheit?

Und morgen geht’s wieder nach Berlin.

Schottland und kein Ende?

Ja, ich habe Albions Nordostspitze erreicht! John O’Groats, das nach dem Holländer Jan de Groot so heißen soll, der erstmalig eine Fährverbindung zu den Orkney Inseln einrichtete. Die letzten beiden Etappen hatten es noch einmal in sich, die eine, was die Steigungen ab km 50 betraf (13%), die andere, was den eiskalten Schauer und heftigen Seitenwind betraf, der mich gleich in das erst schlechteste B&B flüchten ließ. Mein Unterhemd war klatschnass geschwitzt, da musste ich aus der Kälte fliehen. Später hab ich noch ein paar Bilder gemacht.

John O’Groats

John O’Groats, der Pfosten des Anfangs oder Endes aller britischen Straßen

Hinterm Leuchtturm befinden sich diese Klippen

In der Ferne die wirkliche Nordspitze der Hauptinsel – Dunnet Head

Am nächsten Morgen bin ich dann mit der Fähre nach South Ronaldsay hinüber gefahren, der südlichsten der Orkney Inseln. Die Besatzung half mir freundlich mit meinem voll beladenen Rad über die Stufen des Steges auf die ansonsten „nur Personenfähre“. Diese Insel und zwei weitere wurden während des 2.Weltkrieges auf Churchills Befehl mit Barrieren und durch zwangsverpflichtete italienische Kriegsgefangene miteinander verbunden, um die britische Flotte, die sich in den riesigen Naturhafen Scapa Flow versteckte, zu schützen. Hat aber nicht ganz geklappt. Einzelheiten siehe wikipedia. Dadurch kann man erstens einem historischen Lehrpfad folgen und zweitens ohne weitere Fähren bis nach Kirkwall auf die Hauptinsel gelangen. Die Inseln sind ein Paradies, aber mehr für Hartgesottene. Es wehte ein steifer Wind bei 12°C. Wie der Sommer hier gewesen sei, fragte ich den Inhaber eines Post- und Sonstiges-Ladens, bei dem ich einen Kaffee trank. „Wir hatten tatsächlich ein paar Wochen kaum Wind! Und 18 – 19°C!“ Nun, ich hatte mir vorsorglich noch einen Pullover gekauft (der würde bei uns kapp die Hälfte kosten) und machte heute dann eine Rundfahrt ohne Gepäck, erst gegen, dann mit dem Wind bis zum Ring of Brodgar. In einigen Stunden fährt die Fähre nach Aberdeen und dann folgen noch die letzten 2-3 Etappen nach Edinburgh. Jetzt aber Bilder vom kalten Paradies.

Friedhof auf South Ronaldsay

Wer ist hier der Chef??

Eine (funktionierende) Telefonzelle im Nirgendwo als Zuflucht vor dem Schauer

Die berühmte Bucht Scapa Flow

Eine der Churchill-Barrieren

Die italienische Kapelle, von den Kreigsgefangenen selbst erbaut

Blick auf die Inselhauptstadt Kirkwall

Die mehr innen als außen beeindruckende romanisch-normannische Magnus Kathedrale

Kirkwall, Hafen

Standing Stones of Stenness

Ring of Brodgar – das nördliche Gegenstück zu Stonehenge

Nachtrag:

Das war ja wieder ein Stress: In letzter Minute sozusagen fiel mir auf, dass die Fähre nach Aberdeen nicht im Stadthafen von Kirkwall, sondern 5 km außerhalb an einem Extra-Pier abfahren soll. Also schnell los, mit dem Rad im Dunkeln gegen Wind und Regen. Ich hatte vorher online gebucht, musste aber, bevor ich an Bord fahren durfte, zum Check-In Schalter, der nicht wie bei den meisten Fähren, die ich kenne, an Bord, sondern außerhalb war. Die kühle junge Dame am Schalter fragte stirnrunzelnd: „Wollen Sie das Fahrrad mitnehmen?“ Ich war erstaunt über die Frage. „Ja selbstverständlich!“ „Sie haben aber kein Fahrrad mitgebucht und wir haben keinen Platz mehr dafür!“ „Da war keine Kategorie für Fahrräder auf der Webseite! Ich MUSS das Rad mit nehmen, anders kriege ich meinen Flieger in Edinburgh nicht.“ „Setzen Sie sich irgendwo in die Ecke, ich werde sehen, ob ich was tun kann.“ Ich fasste es nicht, in so einem riesen Schiff soll kein Platz für mein Fahrrad sein? Und hatte man mir vorher noch in Berlin nicht gemailt, ich müsse gar nicht vorab buchen ?? Im Kopf verfasste ich Protestbriefe an die Reederei, während erst einmal sämtliche anderen Passagiere abgefertigt wurden und entwarf Katastrophenpläne. Nach ca. 40 Minuten sah ich, wie die Mädels hinter dem Schalter was besprachen und mir eine zunickte. „Ausnahmsweise .. Sie können das Rad mitnehmen, umsonst“, und wies mich einem Security-Mann zu, der mich hinaus in die Kälte führte und mich im Windschatten eines Autos warten lies. „Warten Sie bis Sie gerufen werden.“ Ein Container nach dem anderen wurde auf die Fähre bugsiert, dann kamen die Privatautos angerollt und wurden wieder an einer Linie gestoppt. Ich fror und trat von einem Bein auf das andere. Es war längst 24 Uhr und schon eine viertel Stunde über der Abfahrtszeit. Doch bevor die das Rudel der Privatkarossen in die Fähre stürzen durfte, rief mir ein Verladearbeiter zu, ich soll losfahren. Hah! Endlich! Stolz fuhr ich durch das Bugtor in die Fähre, wo mein Rad mit einem Seil brav angebunden die Nacht verbringen würde …

Schottland Nummer drei

Nach einer Stunde kam ich mit dem Zug gut in Spean Bridge an, nur eine meiner zwei Trinkflaschen und meinen km-Zähler hat es beim Ein- oder Aussteigen hinfortgerissen … Naja, mein Navi kann ja auch zählen. Auf dem Campingplatz traf ich dann ein ausnahmsweise nettes Pärchen aus Marburg, die zum Wandern in die Highlands gekommen waren. Ich hatte sie in der Laundry erst auf Englisch angesprochen und merkte erst später, dass es Deutsche sind. Witzig, passiert im Ausland aber öfter mal. Ein paar Biker verrieten ihr Deutschsein auf der Fähre gestern auch nur, weil ihr Navi plötzlich auf deutsch tönte…

Jedenfalls folgte ich der Straße Richtung Inverness, bzw. zuerst einem unasphaltierten Waldweg mit mächtigen Fichten. Der Weg bzw. die Straße dann führt an den drei Loch’s (Seen) entlang, von denen der Loch Ness der berüchtigste und daher auch der besuchteste der Seen ist. Ich musste also auch Nessi jagen.

Da ist er, der Loch Ness

Und hier, mit Schloss Urquart.

Das ist der Nachfolgebau des berühmten Macbeth-Schlosses in Inverness, im 19 Jahrhundert mussten sie ja alles verschlimmbessern

Endlich! Nessieeee!

Brücke über den Moray Firth

Inverness

Gleich geht’s mal wieder hoch

…und wieder runter zum nächsten Firth

Nach der zweiten Firth-Überquerung fand ich wieder einen Campingplatz und wurde heute morgen vom Zug überfahren. Zumindest akustisch. Der Rasenstreifen zum Zelten befand sich nämlich zwischen einer Straße (links) und einer Bahnlinie (rechts), von dieser nur durch eine Hecke getrennt zeltete ich ohne es zu wissen, fast auf den Schienen. Um 05.43 war es dann um mich, bzw. um meinen Schlaf geschehen. So vehement wurde ich noch nie geweckt! Nun ja, ich lebe noch …

Schottland, Nummer zwei

Jetzt sitze ich in Tyndrum in einem Selbstbedienungslokal, in das ich mich geflüchtet hatte: In der Hoffnung auf besseres Wetter startete ich heute morgen und es regnete auch erst mal nicht. Doch dann, je weiter es bergauf ging, umso mehr drehte sich die Straße gegen den Wind. Ich wusste schon, dass es ein Kampftag werden würde, ich kann ja Karte und Wetterbericht lesen. D.h Windstärke 4-5 und hinter Tyndrum als Gegenwind war schon mal sicher. Aber schon vor Tyndrum blies der mit Schauern gesättigte Wind mir so heftig entgegen, dass ich absteigen und schieben musste, denn ich konnte die Spur nicht mehr halten. Das wurde mir bei den Verkehr dann zu lebensgefährlich.

Den Verkehr sieht man leider auf dem Bild nicht richtig (Schappschuss aus dem Gaststättenfenstert), aber man seht, wie sich die Tanne hinten in Wind biegt ...

Sieht man auf dem Bild nicht richtig, den Verkehr, aber wie sich die Tanne im Wind biegt …

Also, watt nu? Ich kann hier nicht ewig herumtrödeln, aber so weiter fahren geht auch nicht. ScotRail lässt hier um 14.35 Uhr einen Zug fahren. Den könnte ich bis Spean Bridge nutzen, dann bin ich aus der Gegenwindzone für heute raus und hab ca. 70 km „eingespart“. Wenn … ja wenn der Schaffner mich mit meinem Rad mitnimmt. Ist nämlich eigentlich reservierungspflichtig und kann man telefonisch nicht mehr am gleichen Tag reservieren, wie ich nach akustisch schwierigem Telefonat erfahren musste ( sehr umständliche Hotline: A stellt fest, dass ja ScotRail zuständig ist, obwohl ich die Nummer gewählt habe, die auf der ScotRail Webseite steht, verbindet mich also zu B, der wiederum erst mal in seinem Team nachfragen muss …please hold the line … ob Fahrradreservierungen überhaupt noch möglich sind, erfährt, dass nein, aber wünscht mir viel Glück, einfach den Schaffner fragen…. Zur Not fährt 14.52 Uhr ja ein Bus, der, wenn er Platz hat, auch ein Fahrrad mitnimmt …

Bleiben Sie gepannt!

Update. Nachdem ich dann alles die Treppe zum Bahnsteig hochgewuchtet hatte, stellte ich fest, dass bereits ein russisches Radlerpärchen dort stand ..aber alles nicht so schlimm. Der Zug hat 6 Fahrradplätze … alles muss aber richtig ordentlich verstaut werden, mit auf den Haken gehängtem Hinterrad. Der Schaffner erwies sich als geduldig, aber korrekt. Das russische Pärchen war leider weniger kommunkationsinteressiert, obwohl ich mit einem Restrussisch stolz „Es lebe die deutsch-russische Freundschaft“ verkündete … Aber das kenn ich schon, selbst gleichgesinnte Pärchen sind an Kontakten zu allein reisenden Männern selten interessiert.

Immer noch England? Nein, jetzt kommt Schottland.

Aber erst mal noch England. In und aus Liverpool heraus musste ich mich von Ms.Google Voice navigieren lassen, denn irgendwie waren meinem Navigationsgrät die Kartenteile für die ganze Gegend abhanden gekommen. Oder ich hab mich bei der Auswahl zuhause verklickt. Also fuhr ich mit Ohrhörer, „in 800 Fuß rechts in die Penny Lane abbiegen“, jaja, die gibts wirklich und schon hatte ich einen anderen Wurm im Ohr… Jedenfalls war es dann meine flotteste Etappe und ich „riss“ die 100 km-Marke hinter Lancaster, denn endlich war es mal nicht so hügelig. Dann tüftelte ich mir abends die Strecke aus, die meinen Recherchen nach die am wenigsten bergigste für den nächsten Tag sein würde. Denn der Lake District lag unerbittlich vor mir, und das ist ein kleines Gebirge, obwohl ich als Deutscher eher eine nette Seenplatte assoziierte. Nun ja, ich versuchte mich östlich dran vorbei zu schummeln mit dem Ergebnis, dass ich den Yorkshire Dales Nationalpark durchqueren durfte, mit ähnlich heftigen Steigungen auf kleinen gewundenen Strässchen wie in Cornwall – nur geht’s höher nach oben.

Die letzte Nacht in England war heftig verregnet. Mein Zelt ist zum Glück dicht, aber ich musste es nass einpacken. Jetzt ging es nach …

…Schottland. Penrith und Carlisle lagen bald hinter mir und pötzlich befand ich mich in Schottland. Unspektakulär. Gretna, dann Gretna Green. Wo zum Kuckuck ist denn der Hadrians-Wall? Vermutlich war ich dafür zu sehr zwischen Autobahn und Küste eingequestcht. Um mich herum nur „Gegend“.

Ah … der älteste „Runde Tisch“

Da soll er gestanden haben .. hmm

Umd rechts von mir immer die Autobahn für die nächsten 100 km

Channel of River Esk – sozusagen der Grenzfluss zu Schottland

Die Straße war eine Art Parallelstraße zur Autobahn, mit wenig Verkehr, dafür aber immer den Lärm vom Motorway Ohr. Ich gönnte mir ein Hotelzimmer.
Irgendwie hatte ich nach den Pannenverzögerungstagen das Gefühl, nicht mehr genug Zeit zu haben für das, was ich mir vorgenommen hatte und habe mich schweren Herzens entschieden, auf den Umweg über die Äußeren Hebriden zu verzichten – die Wetteraussichten sind dafür eher auch grauenvoll. Stattdessen werde ich Nessie jagen …

Von schweren Schauern verfolgt erreichte ich schließlich einen Campingplatz in den Außenbezirken von Glasgow. Ich war ja wegen meiner neuen Regenjacke und – hose schon sehr skeptisch nach dem ersten Test in Newquay. Ja, so richtig trocken bleibt man darin nicht. Aber ich lernte jetzt den Unterschied zwischen feucht und nass zu schätzen! Je kühler es ist, desto weniger fährt man ja im eigenen Kondenswasser.

Jetzt rein nach Glasgow in der Hoffnung noch einen Fahrradmechaniker zum überprüfen meiner Schaltung überredebn zu können, aber die schottischen sind auch nicht entgegenkommender. Wochenlange Warteliste. Kein Ausnahmen usw. Das kannte ich nun schon.

Zwischen zwei Ampelphasen ewischt. Der Glockturm umringt von städtebaulichem Chaos und Verfall.

Ganz offensichtlch – Stadt im Wandel

Internationales Dudelsackfestival. Der Grundton B bestimmt die Tonart.

Subway-Ausgang St. Enoch

Die Buchanan-Street, der Kudamm von Glasgow

Jugendstilbahnhof

Subway-Ausgang St. Enoch

Glasgow wirkt sehr kontrastreich auf mich, edel und mondän liegt dicht neben vernachlässigt und verfallen . Vieles wirkt improvisiert, die Stadtplanung chaotisch. Wohnhochhäuser in Plattenbauweise fast im Zentrum. Der Konkurs der gesamten Werftindustrie hatte die Stadt auch in eine tiefe Krise gestürzt, aus der sie sich erst nach und nach wieder erholt. Ich trödelte ein wenig in der Innenstadt herum und genoss nicht nur die Dudelsackorchester, sondern auch andere Straßenmusikanten. Woran ich mich nur schwer gewöhnen kann, sind die völlig willkürlichen Ladenöffnungszeiten. Manche bis 17 Uhr, andere bis 17.30 Uhr, bis 19 Uhr, bis 22 Uhr. Zum Glück weiß google meist bescheid …

Am nächsten Morgen startete ich in Richtung Norden. Erst an Clyde River entlang, wo ich die moderne Blechdoschenarchitektur (s.o .) fotografierte. Dann ging es auf einem Radweg, der einer stillgelegten Bahnstrecke, dann einem Kanal folgte, Richtung Loch Lomond, dem größten und schönsten See Schottlands, 39 km lang. Rechzeitig fing es wieder an zu schauern.

Ich fuhr bis zum Ende des Sees zur Beinglas Farm, einem Farmcamping mit Berghütten-Atmosphäre, Treffpunkt und Station für West Highland Way Wanderer aus aller Welt. Es gibt ein Pub mit gutem Essen und einen Laden mit allem Nötigen für Biker und Hiker. Die ganze Nacht hindurch regnete es. Und fast den ganzen Tag. So blieb ich einfach hier und überarbeitete meine Reiseplanung …, morgen soll es besser werden und es geht bergauf!

Blick aus dem Zelt in den Regen …

England – und weiter geht’s

In Overton (das ich gerade wegen der ältesten Eiben Englands erwähnte), hatte ich in meinem Gastgeber einen entschlossenen Brexit-Anhänger, was sich beim Essen im örtlichen Pub herausstellte.

Typisch englisches Essen, belangloses Nebeneinander ….

Mr.Brexiteer … 

Ich versuchte mein Möglichstes an Verständnis zu zeigen, was angesichts seines Manchester-Dialekts etwa so schwierig war, wie als Ausländer einem Bayer zuzuhören. In einem musste ich ihm recht geben, die EU hat zu viel über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden. Als ich dann aber meinte, dass genau das die Populisten wie die UKIPP ausnutzen würden und er seine Sympathie für Nigel Farage zeigte und bedauerte, dass der nicht mehr Stimmen bekommen hat (das ist in etwa das Pendant zur AFD), lenkte ich lieber zur Frage, ob wir auf der Welt nicht gerade wichtigere Probleme hätten. Da fiel ihm dann nicht mehr viel ein. Achja, Fluchtursachen bekämpfen … wobei ich ihm wieder zustimmte. Wenn ich mal wieder auf kleine scheinbar nebensächliche Landstraßen komme, auf denen manchmal ein Verkehr wie auf der Autobahn herrscht, muss ich über seine Bemerkung nachdenken, dass Großbritannien zu klein sei für noch mehr Menschen (die dann auch irgendwann Auto fahren wollen) … Übrigens, sein warmshowers-Profil hat er jetzt gelöscht, ich hoffe nicht meinetwegen.

Im vorigen Kapitel schränkte die Hilfsbereitschaft der Engländer unter Verweis auf die Fahrradmechaniker ein. Ich hatte nämlich ein ernst zu nehmendes technischen Problem, das dazu führt, dass beim Bergauffahren der Antrieb einfach durchrutschte, als würde man auf glattem Eis starten wollen. So konnte ich nicht weiter fahren und meine Selbsthilfemöglichkeiten sind werkzeugtechnisch begrenzt. Also bewegte ich das Rad irgendwie zum nächstbesten Fahrradladen. Der Mechniker bedauerte, zu viele Auftäge, zu kleiner Laden und schickte mich zur Konkurrenz, einem größerem imposanten Laden mit Café an Bristols Yachthafen gelegen. Ein neugieriger Lehrling nahm sich meiner an, der aber so wenig Ahnung hatte, dass ich ihm mehr sagen musste, was er machen soll, als dass er von selbst drauf kam, und auch noch mit eigenem Werkzeug aushalf. Als dann der Herr Mechaniker höchstpersönlich dazu kam und meinte, bei DEM Problem ist es mal eben mit schnell herumschrauben wahrscheinlich sowieso nichts getan, aber Zeit hätte er keine und ein Zauberer wäre er auch nicht, hatte ich erst mal die Nase voll. Mr. Lehrling hat auf meinen Rat hin die Zahnkranzkasette noch mal fester gezogen und, weil es zum Losfahren zu spät war, buchte ich ein Bett in der Jugendherberge um die Ecke. Als ich am nächsten Morgen startete, kam ich ganze 8 km weit, bergauf übrigens, bis nichts mehr ging. Gleiches Problem wie am Tag zuvor. Ich war verzweifelt, rief Holger in Berlin an, der aber auch keine erleuchtende Idee hatte. Also erst mal bergab und zurück zur Jugendherberge… Ich suchte dann weitere Fahrradhändler auf. Nummer 3 schickte mich gleich zu Nummer 4, dort bot ich inzwischen verzweifelt den doppelte Preis an, wenn sie mir helfen würden – nein, dass sei nun gar nicht die Geschäftspolitik des Ladens – und erhielt stattdessen einen Zettel mit den Adressen dreier kleinerer Händler, die seien flexibler (was mir nun gar nicht plausibel erschien, siehe oben, erster Laden). Ich suchte mir im Internet den heraus, der gerade umgezogen war. Rief an, wie lange er noch da sei, bis 16 Uhr, es war drei und ich beeilte mich. Da stand er in seinem kleinen Bahnbogen-Laden und schüttelte den Kopf, nein eigentlich könne er auch nicht viel machen und wenn er Ersatzteile bestellen müsste, dann seien die auch erst mal soundsolange unterwegs, immerhin: Er nahm einen Schraubenschlüssel und stellte fest, dass die Hinterradmuttern gar nicht fest genug angezogen waren. Die zog er jetzt mal kräftig an, und das war’s. Ich konnte es nicht fassen, denn das hatte der Lehrling in Laden 2 verbockt! Die simpelste Ursache – und seitdem ist das Durchrutschproblem gelöst. Dafür hatte ich eine weitere Nacht in Bristols Jugendherberge…

Inzwischen bin ich in Liverpool, wo ich noch mal einen Tag Pause eingelegt habe, denn ich will hier nicht a tempo alles abspulen. Meine freundlichen warmshowers-Gastgeber erlaubten mir eine 2.Nacht (pensionierter Psychologe und Frau, die sich in Sterbebgleitung weiterbildet). Ich weiß im Moment nicht, ob ich die Gesamtstrecke kürzen muss und wenn ja, wie. Ich werde sehen. Da es zur Fahrradmisere nicht viel zu bebildern gab, jetzt noch ein paar taufrische Aufnahmen aus Liverpool.

Der Weg am ehemaligen Pier entlang ist kilometerlang

Dies ist die Fähre von Birkenhead nach Liverpool, die ist so kurios bunt gestrichen als Erinnerung an eine im 1.Weltkrieg aufkommende Tatik, Schiffe gegen U-Boot-Angriffe mit Camouflage-Anstrichen zu tarnen, dann waren sie schwerer anzupeilen.

 

England – die zweite Woche …

…müsste es eigentlich heißen, aber ich merke, ich komme in Teufels Küche, wenn ich fortlaufend berichten will. Denn erstens ist nicht mal das erste Kapitel vollendet, weil ich einfach zu müde war an jenem Abend, und zum anderen – BRAUCHE ich einen Tisch, um ordentlich tippen zu können und den habe ich auf Campingplätzen hier nirgends zur Verfügung. Der Rattenschwanz unerzählter Geschichten wird so immer länger. Dazu kommt meine englischsprachige facebook-Gruppe, die nach Berichten hungert…

My facebook group

Also dachte ich mir, ich erzähle nur noch mehr oder weniger bebilderte Anekdoten.

Zum Beispiel, dass die Briten allesamt sehr freundlich und aufgeschlossen, extrem hilfsbereit (bis auf die Fahrradhändler, aber das kommt noch) aber auch neugierig sind. Selbst die Kollegen von der Radsportler-Fraktion zollen mir erkennbar Respekt, wenn sie mich mit meinem Truck überholen. Ansonsten wird ständig das beladene Fahrrad bestaunt als wäre es ein Krokodil in der Sahara …, ich muss dauernd Neugier-Fragen beantworten und mich zwingen nicht unwirsch  einsilbig zu antworten, weil ich es eigentlich hasse, von Hinz und Kunz ausgefragt zu werden.

Zu den positiven Erlebnissen gehört das ältere Ehepaar, das allein einen kleinen Campingplatz betreibt. Ich klopfte an das einzige belebte Gebäude und es öffnete eine zerbrechliche ältere Dame gefühlt Mitte 80 und bestätigte, dass hier die Rezeption sei. Ja aber der Platz gehöre doch zu einem ominösen Campingclub, ob ich denn Mitglied wäre? Das musste ich verneinen, die nehmen wohl auch eh nur Briten mit Jahresmitgliedschaft. Aber, weil ich ja so weit mit den Fahrrad angereist sei, nun ja, würde sie ihren Mann empfehlen, eine Ausnahme zu machen (außerdem war der Platz auch ganz leer). Er kam dann und stimmte zu, meinte, wenn eine Inspektion käme, solle ich sagen, ich sei ein Freund der Familie … Die beiden waren .. nun ja, vielleicht wie Philemon und Baukis.

Das war noch in Cornwall. Dann kommt Devon, wo es genau so weiter geht. Hier ein paar Bilder.

Blick nach Dartmoor

(Lange dachte ich aufgrund düsterer Geschichten, Dartmoor sei ein Moor. Umso überraschter war ich als ich die Strecke plante zu sehen, dass es offensichtlich ein kleines Gebirge ist … also habe ich es ausgelassen).

Devon, nicht Mecklenburg

Dieser Pfau war zunächst der einzige sichtbare Mitarbeiter des Farm-Campings in Taunton … Ich warne vor Campingplätzen mit Pfauen (es müssen mindestens 10 von ihnen gewesen sein), denn in der Dämmerung (abends UND morgens!) beginnen sie mit einem maunzenden Krähen und kennen keine Gnade für Schlaf suchende Camper.

Bemerkenswert finde ich auch dir Üppigkeit vieler Bäume hier, besonders alte, mächtige Eichen, etliche stünden davon bei ins unter Naturschschutz, sind häufig in der Landschaft anzutreffen. Hier in Overton, wo ich gerade am Küchentisch meines Gastgebers sitze, gibt es die vermutlich ältesten Eiben Englands (1500-2000 Jahre).

Uralt Eibe

Sogar die Queen soll schon extra zum Staunen hergekommen sein.

Schluss für heute: Fortsetzung folgt!