Gegen den Wind – Südskandinavien 2026

Prolog

Am 5.August 2026 sollte es nach Budapest gehen. Mit dem Zug und umsteigen in Wien. Von dort plante ich teilweise eine Art „biografische Gedächtnistour“. In Erinnerung an meine allererste Radreise 1970, damals über 1400 km, einmal rund durch Ungarn, sollte es nach Osten mit einem Wendepunkt im Städtchen Kaba gehen, in dem ich damals mehrere meiner ersten Auslandsferien im Pfarrhaus verbrachte. Dann südostwärts nach Timisoara in Rumänien und schließlich wieder westwärts über Szeged, Zagreb bis Ljubljana.

Karte von Österreich, Slowenien und Ungarn mit Radwegen und Sehenswürdigkeiten.

Sollte.

Doch die langfristige Wettervorhersage kündigte tagelange Temperaturen über 40°C an. Ein No-Go für mich. Bei so einer Hitze verlasse ich nicht mal meine Wohnung!
Kommando zurück. Wochenlange detaillierte Planungen umsonst? Nun ja, vielleicht fahre ich die Strecke ein anderes Mal. Da ich bisher immer einen bestimmten Zeitraum für eine Reise habe, weil ich am Ende einen bestimmten Zug oder Flug erreichen will, plane ich lieber mit Toleranztagen vorher alles durch, ohne mich unterwegs sklavisch daran zu halten.

Zug-Tickets, Platzkarten und drei vorher gebuchte Quartiere – gecancelt. Etwas Neues musste her. Etwa gleich lang, aber mit angenehmeren Temperaturen. Vieles kannte ich schon und reizte mich daher nicht sonderlich. Am einfachsten war es daher, mit der Regionalbahn nach Rostock zu fahren und die Fähre nach Trelleborg zu nehmen. Von dort aus plante ich in stundenlanger PC-Arbeit mit Komoot die südschwedische Westküste nordwärts bis Göteborg zu fahren – die Route kannte ich zum großen Teil noch nicht -, und dann mit der Fähre nach Dänemark überzusetzen, um dort dann die Strecke an der Westküste südwärts bis Hamburg zu fahren.
Eine Route, die ich dann unterwegs mehrfach straffte, aber dazu später.
Dänemark kannte ich zwar schon, aber diese Touren waren schon fast 20 Jahre her.

Karte des Nationalen Radwegs in Dänemark mit eingezeichneten Routen, Sehenswürdigkeiten und Radfahrmöglichkeiten.

Und so kam ich am 5.August zum Glück vorsichtshalber einen Zug früher als unbedingt nötig mit nur (18 Minuten!) Verspätung in Rostock an. Die Menschenmassen aus dem vollen Zug stauten sich auf dem engen Bahnsteig und bewegten sich in zähem Tempo auf die viel zu schmale Treppe zu. Keine Chance, sich mit dem voll bepackten Rad schneller zum dahinter liegenden Lift hindurchzuquetschen, und als ich es geschafft hatte, stand vor diesem auch bereits eine lange Schlange mit Kinderwagen und überdimensionierte Rollkoffer ziehende Reisende an. Also, Geduld, dachte ich, ich kann ja inzwischen mal die Luft in den Reifen nachpumpen. Schließlich, nach gefühlt 15 Minuten, gelangte ich nach unten, um kurz darauf vor einem weiteren Fahrstuhl nach oben zum Bahnhofsvorplatz zu warten. Zum Glück ging das jetzt deutlich schneller. Auf dem Bahnhofsvorplatz angekommen, sah ich, dass die Luft aus dem vorderen Reifen schon fast raus war. Hatte ich nicht eben erst…? Zum Glück nur das Ventil nicht sauber zugedreht! Langsam wurde es zeitlich eng. Zum Fährhafen hatte ich mir eine Route erstellt – die fand aber mein Navi jetzt nicht! Es war heiß und ich wegen des Zeitverlustes ungeduldig. Jetzt fiel der Name der Fährstation zur Fähre über die Warnow nicht ein. Also versuchte ich es intuitiv und mit Schnellnavigation auf eigene Faust zur Fähre Kabutzenhof – Gehlsdorf. Dort angekommen, fuhr sie gerade ab. Wartezeit 30 Minuten. Ich nutzte die Pause zum Essen meiner mitgebrachten Brote. Gut, dass ich einen Zug früher genommen hatte, denn die zusätzliche Zeit war mehr als aufgebraucht. Zur Schwedenfähre sind es dann auf der anderen Seite noch 9 km, aber ich schaffte es dann rechtzeitig 1 Stunde vor Abfahrt dort einzuchecken.

Fährüberfahrten sind selten interessant. Ich saß einige Zeit im Restaurant mit Blick aufs Meer und aß einen Salat auf schwedische Art, statt mit Dressing mit einer seltsamen Paste in einem Becherchen dazu.

Nach Sonnenuntergang von Bord gegangen navigierte ich in Trelleborg zu meinem Campingplatz etwa 7 km und kam beim letzten Dämmerlicht dort an. Nach dem Zelt Aufstellen musste ich feststellen, dass ich etwas Wichtiges zuhause vergessen hatte. Meinen Beutel mit allem Wasch- und Rasierzeug, Outdoor-Waschmittel, Leine und Wäscheklammern! Der hing dort noch an der Dusche…!

6.August: Tag 1

Eine Handfläche mit Flüssigseife ersetzte am Morgen das fehlende Duschgel. Nachdem ich die KI konsultiert hatte, wo ich alles am besten neu einkaufen kann, war mein erstes Ziel am nächsten Morgen das Valen-Center. Nur leider musste ich viel zu große Packungen des Nötigsten nehmen, denn Kleinpackungen für Reisebedarf wie in Deutschland gibt es dort nicht.
 Nach einer Art zweitem Frühstück in einer Parkanlage startete ich westwärts gegen den Nordwestwind auf Nebenstraßen bei strahlendem Sonnenschein Richtung Malmö.

Bald tauchte linkerhand ein erstes, ungewöhnliches Hochhaus mit geschwungenen Etagen auf. Und dann sah ich ihn, den „Turning Tower“, der sich wie eine verdrehte Achse in den Himmel schraubte. Ein fotografischer Leckerbissen! Ich hatte die Route so gelegt, dass ich direkt darauf zu fahren würde.
Bei meinem letzten Besuch in Malmö, 1999, war davon noch nichts zu sehen.

Zum Thema Fotografie: Bisher hatte ich nur selten Schnappschüsse mit dem Smartphone gemacht und in den letzten Jahren das Allermeiste mit meiner Olympus E M10 Mark IV fotografiert. Aber seitdem ich ein Motorola Smartphone habe, habe ich jetzt vermehrt die meisten Bilder damit gemacht. Erfahrung: Für Nahaufnahmen mit Tiefenschärfe (z.B. Blüten) oder Tele-Aufnahmen ist die Kamera besser geeignet und liefert schärfere Ergebnisse. Bei allen anderen ist das Smartphone eher besser, weil es kräftigere Farben auf Anhieb erzeugt und später weniger Nachbearbeitung fordert und weil es, wenn nötig, den größeren Weitwinkel hat. Voraussetzung (und dabei half die KI) ist, dass man die richtige Kamera-App nimmt. Außerdem habe ich es schneller zur Hand.

Als ich dann weiter durch Malmö entlang des Förstadskanalen fuhr, lag auf der anderen Seite die Altstadt, an die ich mich gar nicht erinnern konnte und mittendrin die imposante gotische St.Petri-Kirche. Ich liebe Kirchen und bin jedes Mal enttäuscht, wenn sie, vor allem auf Dörfern, verschlossen sind. Aber diese hier war offen und so musste ich hinein.


Weiter, jetzt für 20 km endlich mit Rückenwind, nach Lund. Das lag zwar nicht genau auf meiner Strecke, aber dort gibt es erstens einen günstigen Campingplatz mit Swimmingpool (für 6,85 € war es dann der billigste auf der ganzen Reise) und zweitens hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass da noch etwas Besonderes zu sehen sein musste. Auch so eine verblasste Erinnerung. Und sie trog mich nicht.

Zelt und Fahrrad mit Gepäcktaschen in der Natur, umgeben von Bäumen.
Fertig für die Nacht

7.August: Tag 2

Zielsicher navigierte ich an diesem Morgen auf den Dom in der Altstadt zu. Spätromanik, eine der ältesten Kirchen in Schweden, im Seitenschiff mit einer riesigen astronomischen Uhr, die selbst die in Prag noch in den Schatten stellt!


Vor der Kirche gab es eine Reihe Aufsteller mit künstlerischen Portraits prominenter Feministinnen und anderer politisch Prominenter.


In Deutschland hätten Graffiti-Sprayer oder andere Vandalen diesen Aufstellern längst den Garaus gemacht…
In Schweden aber gibt es das nicht. Auch keinen herumliegenden Müll. Und nur selten öffentliche Mülltonnen, weil diese nicht in das komplizierte Mülltrennungs-System passen würden. Auch nicht neben den Parkbänken oder an Haltestellen. „Leave no traces“ scheint überall Gesetz zu sein, wie in amerikanischen Nationalparks.
Überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass, bezogen auf die Zahl der Einwohner, kleinere Länder als Deutschland viel pfleglicher mit ihrer Umwelt umgehen und es kaum Müll in der Landschaft und viel seltener Grafitti gibt.
Nachdem ich mir in einem Outdoorladen noch ein Flüssigwaschmittel besorgt hatte, fädelte ich mich westwärts aus der Stadt heraus. Immer munter einer langweiligen Chaussee folgend und gegen den böigen Wind kämpfend, bis ich an einer Einmündung in den Sydkustleden nach Norden abbiegen konnte. Einige Kilometer weiter traf ich auf meine erste Brombeerhecke voller reifer Beeren . Hier konnte ich eine Genusspause einlegen. Ich wechselte ein paar nette Worte mit einer Frau aus der Nachbarschaft, die ebenfalls zum Pflücken gekommen war. Später fädelte ich mich durch das Zentrum von Landskrona und gelangte bei Råå wieder direkt an die Küste, wo mich heftige Seitenwinde fast vom Rad schleuderten. Aber mein Ziel war ein (kostenloser) Shelter hinter Helsingborg.


Um hinter der Stadt dorthin zu gelangen, schob ich mein Rad einen steilen Fußweg hinauf. Das hätte ich auch bequemer haben können, aber ich bemerkte das erst am nächsten Morgen. Der Shelter (Unterstand, mit vielseitiger Bedeutung von einfachem Dach mit Bänken bis hin zu komfortabler Fläche zum Übernachten, teilweise mit Wasserhahn oder Trockentoilette) erwies sich als einer der einfacheren Art, nur mit Bänken, die ich dann eben als Esstisch nutzte. So zeltete ich einfach neben dem Shelter.



8. August: Tag 3


An diesem Morgen hatte ich Gesellschaft bekommen, denn Nils, Computerspezialist aus Thüringen war auch mit dem Rad da und zeltete hinter dem Shelter. Wir frühstückten gemeinsam. Interessant war, was er erzählte. Er habe nach dem plötzlichen Unfalltod seines Bruders sein Leben radikal geändert und reise jetzt viel mit seinem Rad. Er überlege sogar, Deutschland ganz zu verlassen und nur noch als Radreisender zu leben. Zurzeit verkauft er selbst gebaute Computer. Wie er sich das künftig genau vorstellt, ist mir entfallen. Wir fuhren dann gemeinsam los, trennten uns aber bald, weil er zur Fähre nach Dänemark wollte.

Meine Radroute nordwärts heißt jetzt Kattegattleden. Da der heftige Wind auf Nordwest gedreht hatte, war ich froh, endlich ein Stück weit nach Osten durch einsame Siedlungen abbiegen zu können. In der Nähe der alten Windmühle von Farhult lockte ein Schild mit Kaffee, so dass ich eine Pause in einem gemütlichen Gartenhäuschen einlegen konnte. Die alte Dame, der das Cafè gehörte, empfing mich freundlich und bot mir an, mit Euro den Kaffee zu bezahlen, da sie keine Kartenzahlung anbieten konnte. So bekam ich ihn für 3 €. Das war auf der gesamten Reise das einzige Mal, dass ich bar bezahlt habe. Später in Dänemark funktionierte eine Dusche nur mit Münzen, da musste ich dann eben verzichten…

In einem ICA Supermarkt in Ängelholm holte ich mir Milch und da es Tische und Bänke davor gab, machte ich hier eine Mittagspause.

Ein Tisch im Freien mit einem roten Becher, einem Päckchen und einem Stück Brot in einer Kunststoffbox, daneben eine Packung Milch. Im Hintergrund sind leere Stühle und ein Geschäft zu sehen.
Mittagspause

In der Stadt fotografierte ich eine repräsentativ wirkende Kirche, die wie viele skandinavische Kirchen weiß gestrichen (aber, da protestantisch, natürlich geschlossen war.).

Eine weiße Kirche mit einem spitzen Dach und einem kleinen Kreuz auf dem Glockenturm, umgeben von Bäumen unter einem blauen Himmel.
Kirche in Ängelholm


Hinter der Stadt kam ich an einer weiteren Kirche vorbei, in der ich Licht brennen sah. Dann muss die wohl geöffnet sein, schloss ich, lehnte mein Rad an eine Mauer und ging hinein. Ein Pfarrer und ein Kirchendiener waren anwesend, während jemand auf der Orgel übte. Es sei gleich eine Hochzeit, aber wenn ich mich beeilte, könnte ich mal kurz hinein. Kaum hatte ich ein Foto gemacht, tauchte das Brautpaar auf. Allein. Ohne weitere Hochzeitsgesellschaft. Sie in einem langen gelben Kleid. Ich grüßte, wünschte eine schöne Hochzeit und verschwand diskret…

Und von innen:

Blick auf einen viktorianischen Altar in einer Kirche mit Statuen und einem Kronleuchter.
Barkåkra kyrka

Der Kattegattleden führt bald auf einer stillgelegten ehemaligen Bahnroute entlang. Ein origineller, noch nirgends verzeichneter Shelter tauchte rechts auf und machte mich neugierig. Es handelte sich offenbar um ein studentisches Architekturprojekt. Ein Tisch mit Bänken, die breit genug gewesen wären, um darauf zu liegen und eine Feuerstelle.

Ich beschloss, mit meinem Kocher Kaffee zu kochen und aß einen Muffin. Da hielten zwei weitere neugierige Radreisende und kamen hinzu. Aus Berlin, wie ich! Wir unterhielten uns angeregt. Sie fuhren auf nicht ganz billigen, selbst konfigurierten Rädern, Typ „Rakete“, einer Berliner Manufaktur. Ein Stück weit sausten wir dann bergab der schluchtartigen Route folgend, verloren uns dann aber leider an einer Kreuzung.

Abends war dann mal wieder ein Campingplatz angesagt. Mellbystrand. Teuer, – umgerechnet 32 € für ein abgezeltetes erbärmliches Stück Wiese. Zusätzlich spielte eine Band schwedische Schlagermusik bis 23 Uhr… Immerhin gab es eine halbwegs ordentliche Küche.
(Übrigens konnte ich auf meiner Reise in fast keiner Campingplatzküche den Herd nutzen, weil alle mit Ceran – Kochfeldern ausgestattet waren, für die man einen exakt glatten Topfboden braucht. Dafür sind meine Töpfe nicht (mehr) geeignet. Also baute ich überall meinen Kocher auf und nutzte die Abwaschgelegenheit und die Steckdosen zum Aufladen meiner Elektronik.) Das war dann aber auch zum Glück der teuerste Campingplatz, abgesehen von einer Hütte später in Dänemark. 20 € hatte ich mir als Durchschnitt für alle Übernachtungen vorgenommen. Ob ich das am Ende einhalten kann?

9.August: Tag 4

Ich startete durch ein waldiges Gelände. Die Radroute führte anfangs direkt neben der Autobahn entlang, was ich nicht gerade als ideal empfand, aber – es gab eine Tankstelle MIT Boutique zum Kaffeetrinken. Bisher hatte ich in Schweden nämlich nur automatische Selbstbedienungstankstellen gesehen, wie auch später in Dänemark. Es macht also in beiden Ländern wenig Sinn für Radfahrer, wegen eines Kaffees nach einer Tankstelle zu suchen. Als es dann durch das Naturreservat Tönnersa Dünenlandschaft ging, wurde die Route wieder zu einem gepflegten Waldweg, ohne Sand- oder Matschlöcher wie in Brandenburg oder, noch schlimmer, in Polen.

Ein schmaler Weg, umgeben von üppigem, grünem Wald, der in der Mitte sichtbar ist.


Halmstad erfreute das Auge mit einem roten Schloss und architektonisch interessanten Neubauten.


Auf der Suche nach einem Restaurant zum Mittagessen fand ich das Tikko Birgaus Cafè in einer umgebauten Scheune. Der Salat mit Köttbullar erwies sich dann für 200 Skr (ca. 20€) allerdings als zu groß für mich, so dass ich mir den Rest einpacken ließ.

Eine alte, steinerne Scheune mit grünen Fenstern und Türen, umgeben von einem gepflegten Garten und Sitzgelegenheiten im Freien.
Birgaus Café

Nach einer Weile tauchte am Wegesrand „Kerstins Saft Depot“ auf. Da stand eine Kühlbox zwischen zwei Liegestühlen mit allerlei Säften zur Selbstbedienung (sjelfbetäning) – bezahlbar mit „Swish“ – daher leider nur für die Schweden. Aber ich war nicht allzu traurig, da ich wegen meines Diabetes keine zuckerhaltigen Softdrinks mehr trinke.


Mein Ziel heute war ein kostenloser Platz bei Falkenberg, den ich in der Vildnis-App gefunden hatte.
Angeblich mit fließend Wasser und Toilette. Zwei Zelte standen bereits auf den besten Plätzen, in einem fand ich Klaus aus Deutschland, der mir auf meine Frage, wo hier Wasser und Toiletten seien den Weg zu einem etwa 400 m entfernten Bootshafen zeigte. Ich fuhr gemeinsam mit ihm zunächst nur mit meinem Wassersack dort hin, fragte dann aber eine zuständige Frau, ob ich hier nicht zelten könne. Denn es blies ein scharfer Südwest-Wind und ich hoffte auf den Windschatten der Bootshäuser, in denen die Skipper wohnten. Sie telefonierte mit ihrem Chef und sagte dann zu. 100 Skr – also 10 €, dafür hatte ich dann Dusche und Toilette. Und zur Not einen Platz, an dem ich das für den nächsten Tag angekündigte Regenwetter im Zelt „aussitzen“ konnte. Klaus war längst wieder zurückgefahren, denn er hatte verstanden, dass das nicht möglich sei. Er meinte dann, er könne ja am nächsten Morgen meinen Bad – und Toilettencode mit nutzen, kam dann aber nicht. Der für den nächsten Tag angekündigte mehrstündige Regen erwies sich als kurzer Schauer zwischen 5 und 6 Uhr, so dass ich wieder trocken weiterfahren konnte. Ein netter Skipper, der aber kein Englisch sprach, ließ mich am Abend noch meine Elektronik in seinem Häuschen nachladen.

10.August: Tag 5

Der Wind hatte leider wieder nach Nordwest in Gegenrichtung gedreht. Ich fuhr erst gegen 11 Uhr durch eine nette ländliche Gegend los. Daher machte ich schon nach wenigen Kilometern am Tempo-Supermarkt in Olafsbo meine Mittagspause, denn hinter dem Markt befand sich ein kleines Gartenrestaurant, in dem ich mir ein Baguette und ein Bier leistete.

Ein Sandwich mit Salat und roten Zwiebeln, serviert auf einem weißen Papier, neben einer Flasche Corona Bier und einem Glas Bier auf einem Tisch.


Das Wetter hatte sich beruhigt, die Sonne strahlte!


Mein heutiges Ziel war aber nicht weit entfernt: Das „Rödlix Vandrarhem & Camping“ nach nur 28 km. Denn erstens nervte mich der Gegenwind und zweitens war ich bei meinem „Warmshowers“ – Gastgeber in Göteborg erst für zwei Tage später angesagt. So konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und bekam für 250 Skr einen wunderbar weichen, windgeschützten Rasenplatz für mein Zelt auf einem völlig leeren Zeltgelände. Später traf ich in der wunderbar ausgestatteten Küche einen jungen Niederländer, BWL-Student, aus Groningen, der von dort schon 2000 km an der Küste entlang unterwegs war und der sich auch sehr für diesen Blog interessierte. Er hatte den Ehrgeiz, die gleiche Strecke auch wieder mit dem Rad zurückzufahren, obwohl ihn auch seine Eltern ab Kopenhagen mit dem Auto mitnehmen würden. Hier ein kurzes Video von der Küche.

Die gemütliche Küche des Rödlix Vadrarhem

11.August: Tag 6

Ach am nächsten Morgen frühstückten wir gemeinsam. Er (dessen Name mir völlig fremd klang und den ich mir deshalb auch nicht merken konnte), ließ sich mehr Zeit und ich verabschiedete mich bald weiter nordwärts, wieder gegen den Wind, der heute aber nachgelassen hatte. Hinter Varberg fuhr ich durch ein Vogel- und Naturschutzgebiet mit einem riesigen hölzernen Falken und einem architektonisch bemerkenswerten Aussichtsturm, bei dem ich an ein Mikado-Spiel denken musste.

 

Eine Eisdiele nahte. Lustige junge Leute feierten dort den Abschluss ihrer Ausbildung im Gastronomiegewerbe und waren mit einem rockigen Bus erschienen, aus dem laute Technomusik tönte.


Dann ging es wieder auf einer stillgelegten Bahnstrecke weiter über den Viskan-Fluss und eine traumhaft schöne, windige Strecke am Meer.


Als Ziel hatte ich mir einen Shelter im Naturreservat Fjärås Bräcka mit Toilette und Wasserhahn am nahe gelegenen „Naturum“, einem Naturkundezentrum gesetzt.  


Ich wollte aber, bevor es dunkel wurde, noch herausfinden, wie weit es bis zum ca. 50 m tiefer gelegenen See ist und machte einen Abendspaziergang Trepp abwärts. Dort gab es einen weiteren Shelter, in dem sich zwei sportliche Radfahrerinnen, Studentinnen aus Heidelberg, einquartiert hatten. Sie waren auf dem Weg nach Oslo, von wo aus sie für 160 € mit Flix-Bus zurückfahren wollten. Wir unterhielten uns ein Weilchen nett und ich prüfte kurz die Wassertemperatur des Sees und nahm mir dann vor, am nächsten Morgen dort Schwimmen zu gehen.

12.August: Tag 7

Bei 10°C Lufttemperatur am Morgen ließ ich die Idee mit dem Schwimmen sehr schnell wieder fallen und begnügte mich mit Frühstück auf der Bank-Tisch-Kombi in der kühlen Morgensonne. Mein erstes Ziel war die Kirche von Fjärås, die imposant in der Nähe lag und geöffnet war, so dass ich sie auch von innen besichtigen konnte. https://fjaraskyrka.se/fjaras-kyrka/


Diese lag imposant am oberen Ende eines Hügels und ich fand sie beeindruckend schön. Endlich hatte ich mit Südwest-Wind mal keinen unangenehmen Gegenwind, abgesehen von den Wendungen, bei denen die Route nach Westen zur Küste führte. Aber bis Göteborg waren es jetzt nur noch 47 km. Ich teilte meinem warmshowers – Gastgeber Lars mit, dass ich unterwegs sei und rechtzeitig mitteilen würde, wann ich ungefähr ankomme. Ich machte mir nur Gedanken über seine Antwort „one night is fine and you should stay on Vrångö one night“, und überlegte, ob ich für die zweite Nacht dann eine Jugendherberge buchen sollte, denn ich wollte ja einen Pausentag in Göteborg verbringen und mir die Stadt ansehen. Ich fand aber in der anvisierten Herberge online keinen freien Platz mehr und, wie von Lars empfohlen, zu einem Shelter auf einer Insel zu fahren, erschien mir logistisch zu umständlich. Jetzt musste ich aber erst einmal in Göteborg ankommen.
Hinter Kungsbacka fuhr ich dann auf dem Kattegatleden direkt an der Schärenküste mit einigen schönen Aussichten entlang.


Viele joggende oder Rennrad fahrende Sportler kamen mir entgegen und grüßten mit „hey, hey!“ wie auch vorher schon in Schweden. Ich hatte mich schon daran gewöhnt, auch zu grüßen, denn als Berliner war das für mich noch ungewohnt. Als Großstädter gewöhnt man sich schnell daran, nur die zu grüßen, die man kennt, weil alles andere etwas sonderbar wirken würde. Helen aus England, („Hels on Wheels“ in den Social Media) stammt aus einer mittelenglischen Kleinstadt. Schon seit Jahren begleite ich sie virtuell und sponsore sie. Sie hat mutmaßlich als erste Frau Saudi-Arabien auf dem Rad durchquert und ein Jahr später sogar Libyen. Helen produziert fast jeden Tag ca. 8-minütige Videos, in denen man erleben kann, dass sie nicht nur alle Menschen, sondern auch viele Tiere vom Rad aus grüßt (natürlich auch auf Arabisch!) Salam Aleikum 🙂

Jetzt wurde es langsam immer großstädtischer. Schließlich hat Göteborg mit Vorstädten ca. 1 Mio. Einwohner!
Als ich später an der, meiner Routenplanung entsprechend, einzigen Auffahrt zu Lars‘ hochgelegener Straße auf dem Johanneberg kam, war diese so komplett wegen Bauarbeiten gesperrt, dass ich nicht einmal hätte drum herum schieben können. Ratlos fragte ich Passanten, ob ich – (ich wies nach links unten) – diese Sperrung umfahren könnte, bekam aber nur ein ungefähres „vielleicht“ als Antwort. Ich versuchte es mit Google Maps akustischer Navigation, denn mein Navi beharrte auf der gesperrten Route. Und auch Google Maps war nicht auf dem aktuellen Stand. Dazu kam, dass es mit 27°C   heute den gefühlt „heißesten“ Tag meiner Reise gab. Da ich das, was jetzt an Irrfahrt folgte, unmöglich beschreiben kann, füge ich einen Screenshot ein – man beginne links unten! Inzwischen. Insgesamt war ich dann fast 6 Stunden unterwegs…

Eine Karte mit angezeigten Straßen und Routen, die im Gebiet Annedal abgebildet sind. Die blauen Linien markieren die Routen 46 und 47.
Die Irrfahrt

Lars war noch nicht zuhause als ich an seinem Wohnhaus ankam und so wartete ich an einem Tisch auf dem Innenhof auf ihn. Dann kam er schließlich, ein schlaksiger etwa gleichaltriger Mann mit einem Arztkittel, dem man entnehmen kann, dass er Radiologe ist, auf einem etwas klapprigen Fahrrad. Tatsächlich war er mal im Auftrag einer Hilfsorganisation auf Amerikanisch-Samoa als Radiologe tätig. Er begrüßte mich in ziemlich perfektem Deutsch, obwohl wir auf Englisch korrespondiert hatten. Wir beförderten meine Taschen als erstes in seine Wohnung, dann bot er mir als Erstes an, dass ich meine Wäsche waschen könnte, wozu wir in einen zentralen Waschraum des Wohnblocks mit diversen Waschmaschinen gingen. Anschließend machte er mit mir eine schnelle Rad-Rundfahrt durch Göteborg – etwas zu schnell für meine fotografischen Bedürfnisse. Aber er kennt ja schon alles.

Als wir bei einem Lidl anhielten, um noch etwas einzukaufen, übersah ich, dass der Gehsteig an dieser Stelle etwas schräger war und ich fiel beim Absteigen wie vom Blitz getroffen auf mein Gesäß. Sofort wollten mir gleich mehrere Leute helfen – aber zum Glück schmerzte nur mein Steißbein, dieses allerdings nachträglich noch mehr als 14 Tage lang. Zum Glück nicht beim Radfahren…


Wieder zu Hause bei Lars angekommen, war die Wäsche, die schon ein Nachbar aus der Maschine genommen hatte, längst aufgehängt worden und in dem warmen Raum schon getrocknet! Wir aßen zusammen und ich erörterte mit Lars mein Problem mit der zweiten Nacht. Er sah sehr schnell ein, dass es problematisch wäre, mich mit Rad und Gepäck anderthalb Tage durch die Stadt ziehen zu lassen und meinte nur, dass ich dann für die zweite Nacht in Kauf nehmen müsse, dass er vermutlich noch einen weiteren Gast hätte. Das erschien mir machbar, wenn auch recht eng in seiner Ein-Zimmer-Wohnung. Aber Lars scheint mit 185 Feedbacks auf warmshowers.org ein sehr routinierter Gastgeber zu sein. Außerdem hat er schon, hauptsächlich in den Wintermonaten, über 50 Länder mit dem Rad bereist. Er ist auch ein sehr guter Fotograf und zeigte mir im Schnelldurchlauf einige Bilder seiner Reisen am PC, bis ich einfach zu müde wurde. Dann platzierte ich meine Isomatte auf dem Fußboden und schlief von zweien seiner Fahrräder behütet ein…

13.August: Tag 8

Heute blieb das Fahrrad im Keller stehen. Ich hatte entschieden, einen Wandertag mit Stadtbesichtigung einzulegen und da Lars um 08.30 Uhr die Wohnung verlassen wollte, hatte ich viel Zeit dazu. Denn vor 17 Uhr würde er nicht zurück sein. Da der Tag sonnig und warm war, machte ich mir keine Sorgen und ging als erstes zur Skansen Kronan, einer alten Festung, die Lars mit mir am Vortag als erstes angesteuert hatte und von der aus man einen Rundblick über weite Teile der Stadt hat.

Eine steinerne Festung mit einer goldenen Krone auf dem Dach, umgeben von einem Baum und Radfahrern auf einem Weg.
Skansen Kronan


Ich mäanderte dann weitläufig durch die Altstadt, verlief mich ein paar Mal, kam dann durch die berühme Haga, eine Einkaufsstraße, die mich an die Brandenburger Straße in Potsdam erinnerte. Voller Touristen aus aller Welt. Ich lief recht langsam, denn ich bin kein guter Läufer und an lange Wanderungen eigentlich nicht gewohnt. Als es Mittag war, suchte ich ein Restaurant, um etwas zu essen und fand schließlich ein relativ Preiswertes. Nöller Espresso. Aß eine Gemüsesuppe und einen Brownie, tank einen Kaffee und amüsierte mich über den Spruch hinter der Theke: „Today we will live in the moment until it’s unpleasant, in which case we will eat a cookie.“

Nach einigen weiteren Schlenkern kam ich zum Dom, den ich mir nicht entgehen lassen wollte.


Später landete ich am Hafen, an dem sich ein Schifffahrtsmuseum befindet und besichtigte ein ausgemustertes Kriegsschiff der schwedischen Marine auch von innen.

Ein Stück weiter befindet sich eine große Baustelle für den Bau eines unterirdischen Verkehrsknotenpunktes und oben ausgestellt, das Modell des Teils des Skeletts einer riesigen Schlange, die sich einmal im Inneren dekorativ herum winden soll.

Eine Skulptur, die eine ungewöhnliche Form hat, hängt an einem Stahlgerüst über einem Park. Im Hintergrund ist ein hoher Kirchenbau mit einem spitzen Turm zu sehen, während der Himmel mit Wolken bedeckt ist.
Das Skellett-Stück

Dort liegt auch das älteste Schiff, das für dem Göta-Kanal gebaut wurde und das ich 2009 noch durch den Kanal fahren sah.

Ein historisches Dampfschiff namens "Wilhelm Tham" liegt im Hafen, während zwei Personen am Ufer spazieren gehen.
Das Götakanal-Schiff


Anschließend ging ich an der wie ein großes Schiff am Göta Älv gelegenem Opernhaus entlang und bestaunte ein seltsames entfernt liegendes rot-weißes Hochhaus, von den Göteborgern „Lippenstifthaus“ genannt.

Moderne Gebäude mit großen Fenstern, begrünten Außenanlagen und einem Fußgänger auf dem Bürgersteig.
Das „Heck“ des Opernhauses


Schließlich reichte es mir und ich wartete etwas auf Lars’ Innenhof, bis er mit einem jungen Mann, dem nächsten Gast, kam.
Abends hatte ich keine Lust mehr, etwas zu unternehmen. Der andere Gast, der dann auf dem Küchenfußboden schlief, erwies sich als nicht sehr kontaktfreudig. Also unterhielt ich mich mit Lars und sah später auf meinem Smartphone meine Netflix-Serie weiter.

Eine kleine Küche mit einem Herd, einer Kaffeemaschine und einer Holzplatte. Auf der Arbeitsfläche liegen Obst und eine Tasse, während die Regale mit Lebensmitteln und Geschirr gefüllt sind. Im Hintergrund ist ein offenes Zimmer mit einer Uhr an der Wand zu sehen.
Blick in Lars‘ Küche (mit Gepäck)

14.August: Tag 9

Lars wollte wie immer gegen 9 Uhr seine Wohnung verlassen. Also musste ich aufbrechen. Um die Zeit bis 14.30 Uhr, dem Check-In zur Fähre nach Frederikshavn (Dänemark) auszufüllen, plante ich zunächst eine kleine 30-km-Tour zum Schärenufer und zurück. Ich kaufte wegen der mutmaßlich höheren Lebensmittelpreise in Dänemark noch ein paar Dinge ein und erkundete dann, wie genau ich zum Fähranleger komme. Dabei bemerkte ich in der Nähe des Hafens, dass mein Licht nicht brannte. Ich tippte zuerst auf ein Kabelproblem, konnte aber nichts finden. Aber als ich das Rad ablud und auf den Kopf stellte und am Vorderrad drehte, bemerkte ich einen leichten ruckelnden Widerstand. Ölen änderte nichts. Alles klar, dachte ich, das Kugellager im Nabendynamo ist hinüber! In solchen Situationen läuft dann gleich ein ganzes Katastrophenszenarium in meinem Kopf ab. Muss ich jetzt die ganze Reise abbrechen? Fahre ich jetzt damit einfach weiter? Licht brauche ich ja am Tage nicht wirklich. Nein, das war mir zu unsicher. Nicht, dass dann irgendwo im Nirgendwo das Vorderrad ganz blockiert. Aber dann gewinnt der Pragmatiker in mir Oberhand. Ich fing mich also schnell wieder und suchte mit Google Maps eine möglichst nah gelegene Fahrradwerkstatt, fand eine, die demnächst öffnen würde und trank so lange einen Kaffee in der Nähe. Zur Öffnungszeit stellte ich dort das Problem vor, und, dass es schnell gehen müsse, weil ich ja schon ein Ticket für die Fähre am Nachmittag hätte. Das Gepäck wurde einstweilen im Laden gestapelt. Der Mechaniker bestätigte meine Diagnose und bot mir an, das Vorderrad gegen ein anderes gebrauchtes mit Nabendynamo zu tauschen. In etwa 2 Stunden könnte ich wiederkommen – er würde mich per SMS benachrichtigen.

Also hatte ich Zeit und spazierte eine weitere Runde durch Göteborg. Rechtzeitig kam seine Nachricht und ich konnte mein Fahrrad mit einem wie neu aussehenden Vorderrad für umgerechnet 90 € abholen. Freundlicher Notfallservice. https://linnestadenscykel.se/Verkstan

Ein Mann in Arbeitskleidung steht in einem Fahrradgeschäft zwischen Fahrrädern und Regalen mit Zubehör.


Und somit das krasse Gegenteil zu Bristol 2018, wo ich von einer Werkstatt zur nächsten fuhr und alle auf einer Terminvereinbarung für irgendwann in den nächsten Wochen bestanden und nur der Letzte, der mit seinem Laden gerade umgezogen war, mir spontan helfen konnte…

Hier noch ein paar Bilder von meiner Göteborg-Erkundungsrunde.

Ich konnte also rechtzeitig zur Fähre fahren, zu der man erst am ganzen Hafengelände entlang radeln musste, um dann scharf rechts einzubiegen. Ich reihte mich brav in die Schlange der wartenden Autos ein, wurde aber schließlich dann zum Kontrollhäuschen durchgewunken. Dort musste ich nur für die Fahrt bis zum Schiff (ein paar hundert Meter) eine gelbe Warnweste für 50 Skr kaufen. Auf meine Bemerkung hin, das sei bei Stena Line in Rostock nicht nötig gewesen, meinte die Kontrolleurin, dass das eine neue Bestimmung sei. (Beim Hafen in Klaipeda 2025 war mir das vorher bekannt,- diese Weste hätte ich mitbringen können, jetzt habe ich zwei,)


Die Fährüberfahrt dauerte ca. 3 Stunden. Es gab einen Hinweis, dass das Internet überall zu empfangen sei, man aber außerhalb der jeweiligen Hoheitsgewässer nicht mehr innerhalb des EU-Roamings wäre und man deshalb besser einen schiffseigenen WiFi-Zugang buchen solle. 5 €. Na gut.

Auf der dänischen Seite hatte ich bereits einen Shelter mit Zeltgelegenheit herausgesucht. Bis dorthin waren es dann noch 17 km, die ich bis kurz nach Sonnenuntergang mit Rückenwind gut schaffte. Zwei Shelter, bereits mit Jugendlichen besetzt, einige Camper parkten auch dort. Es gab ein Toilettenhäuschen mit fließend Wasser und eine (kalte) Außendusche. Und das Wichtigste: Einige Stellen, an denen man sein Zelt aufbauen konnte,- mein Platz mit einer halb vermoderten Bank-Tisch Kombination. Ausreichend für meine Mahlzeiten.

Dänemark

Sonnenuntergang über dem Meer mit grasbewachsenem Strand im Vordergrund.
Nach Sonnenaufgang. Ebbe. Wie immer, wenn ich am Strand bin…

15.August: Tag 10

Wie vom Wetteronline vorhergesagt, drehte über Nacht der zunehmend böige Wind nach Nordwesten. Also genau gegen meine Fahrtrichtung. Böen bis 60 km/h. Na danke. Ich plante um. Nach Skagen, der nördlichsten Spitze Dänemarks, wollte ich sowieso nicht, da war ich schon und erinnere mich an einen Tag bei strömendem Regen im Zelt – damals noch ohne Internetanbindung und nichts zu lesen… Aber über Hirtshals wollte ich schon fahren. Ich analysierte die Route und kürzte sie so, dass ich über Hjørring fahren würde. Mehr nach West-Südwest. Hoffentlich mit viel schützendem Wald. Also keinen Bogen, sondern eher eine Gerade.

Karte einer Region mit markierten Rad- und Wanderwegen, darunter der Schöner Holzbohlenweg und der Nationale Radweg 1. Geografische Merkmale und Verkehrsverbindungen sind ebenfalls hervorgehoben.
Ursprünglicher Plan

Soweit man eine Abkürzung als eine Gerade bezeichnen könnte. Das erschien mir praktikabel:

Eine digitale Karte, die einen blauen Weg zwischen verschiedenen interessanten Punkten zeigt, einschließlich Sehenswürdigkeiten und Dienstleistungshinweisen in einer Küstenregion.
Beginn der Abkürzung

Und so fuhr ich los, hielt ausführlich an einer riesigen Brombeerhecke, zum abgeernteten Feld hin (unsichtbar für Autofahrer) voller Beeren, mit denen ich meine Frühstücksbox und meinen Magen füllte. Dann endlich, links abbiegend, durch ein Stück Wald führte die Radroute auf einen Kiesweg. Eine junge Frau auf einem Pferd stoppte mich an einem Gehöft und wies mich auf eine unscheinbare Umleitung hin, deren Hinweisschild ich übersehen hatte. Weiter über Wege unterschiedlicher Qualität. Manche Steigungen wurden jetzt so steil, dass ich schieben musste.


In Sindal angekommen, aß ich Fish ’n Ships in einem Restaurant und kaufte erstmals in Dänemark ein. Als ich weiterfuhr, wurden die gegenwindigen Böen am Ende einer Steigung so stark, dass ich nicht mehr richtig geradeaus lenken konnte und alles in mir schrie „HALT!“

Und genau dort befand sich ein Campingplatz.

Es war kurz vor 14 Uhr. Einschließlich Pausen war ich erst knapp 24 km gefahren, so sehr bremste mich der Wind aus. Windstärke 7! Ich wollte nicht mehr weiterkämpfen und entschied hier zu bleiben. Die Rezeption war geschlossen. Mittagspause bis 15 Uhr. Also las ich die Preistafel durch und angesichts der Wetterlage, entschied ich eine Hütte zu nehmen. Knapp 60 €, umgerechnet. Da ich bis dahin schon 5 kostenlose Übernachtungen hatte, bekam mein „innerer Buchhalter“ noch kein schlechtes Gewissen…
Das Zelt aufzubauen wäre zur Materialschlacht geworden. Ich sah mir in Ruhe den Platz an und hoffte noch eine freie Hütte zu bekommen. Pünktlich öffnete die Rezeption und – es klappte. Und so bekam ich den Schlüssel für eine Hütte und Hinweise, was den Stromverbrauch betraf, denn der musste extra bezahlt werden. Die Frau war angesichts des Windes sehr verständnisvoll, bestätigte aber auch, dass dieser am nächsten Tag nachlassen würde.
Die Hütte hatte 2 Doppelstockbetten, Tisch, Kocher, Geschirr, Abwaschbecken, Fernseher und am Ende musste alles wieder sauber übergeben werden.

Ich machte es mir gemütlich, hätte auch noch im kleinen Pool im Kreis schwimmen können, aber dazu hatte ich keine Lust. Ohne Gepäck fuhr ich dann noch mal 2 km zurück zum Supermarkt und besorgte mir Bier für meinen „Baudenabend“.

Eine Terrasse mit mehreren gelben Taschen, einem Tisch und einem Fahrrad im Hintergrund.
Meine Veranda am Morgen

16.August: Tag 11

Ich säuberte die Hütte, versicherte am Empfang, dass ich keine Spuren hinterlassen hätte, rechnete 0,6 kWh Strom ab (1 DKr!) fürs Wasserkochen und Laden meiner Powerbanks, fuhr früh los und erreichte an diesem sonnigen Morgen als erstes Hjörring, wo ich im Bahnhofscafé einen Milchkaffee und einen Muffin für preislich bemerkenswerte 12 € zu mir nahm. Man lernt dazu.

Dann entschied ich, mir dieses Städtchen, das in Nordjütland eine regionale Bedeutung hat, genauer anzusehen.


Und so passierte ich eine Fußgängerpassage und erreichte als erstes die Sankt Olaf-Kirche. 13. Jahrhundert. Äußerlich noch nicht besonders bemerkenswert überraschte das Innere umso mehr. Eine freundliche deutschsprechende Pastorin gab mir eine kurze Führung.


Als ich dann weiter durch die Altstadt fuhr, kam ich zu einer weitaus größeren Kirche, die spätgotische Katharinen Kirche. Wieder traf ich auf eine Pastorin, die dieses Mal kein Deutsch, aber Englisch sprach. Sie gewährte mir einen kurzen Zutritt, da man in 10 Minuten schließen wolle. So konnte ich innen fotografieren, es gab auch eine echte Barockorgel, und bedankte mich mit einer Spende.

Eine weiße Kirche mit einem roten Ziegeldach, umgeben von einem Parkplatz mit mehreren Autos und einem großen Baum im Vordergrund. Der Himmel ist blau mit einigen Wolken.


Meine Route führt bald mehr südwest-, später dann südwärts, so dass ich dann schon Rückenwind hatte. Ich machte Pause in einer Art Shelter, die wie zufällig am Straßenrand stand. Vielleicht eine ehemalige Bushaltestelle? Später bemerkte einen seltsamen Hügel, der als bronzezeitlicher Ting-Platz beschrieben wurde und kurz darauf die monumentale aber leider geschlossene Kirche des aufgegebenen Dorfes Saltum aus dem Jahr 1150.

Landschaft mit einer Straße, einem Auto, und einem gelben Haus neben einem Feld unter bewölktem Himmel.

Landschaft mit einem geschotterten Weg, umgeben von Gras und niedrigen Sträuchern unter bewölktem Himmel.



Über teils festen Kies, teils geteerte Abschnitte durch den Wald erreichte ich nach 65 km das für heute geplante Ziel, einen Shelter-Platz. Es gab die üblichen Shelter-Hütten mit Schlaffläche und einen Bauwagen mit langem Tisch und Bänken, einen Wasserhahn, Feuerstelle und ein Trockenklo mit kaputtem Dach. Also fast alles.
 Den Bauwagen hatte Thomas aus den Niederlanden, der auch gut deutsch sprach, bereits in Beschlag genommen. Ich fragte ihn, wo er da denn schliefe, und er meinte, auf dem Tisch! Er war aber einverstanden, dass ich meine Mahlzeiten dort zubereiten und essen könne. Und so geschah es. Er hatte ein hochwertiges Fahrrad mit Pinion-Getriebe (also keine Naben- oder Kettenschaltung), aber auch er stöhnte über den Wind, wollte gleichwohl nach Skagen und überlegte, von dort mit dem Zug zu fahren. Wir redeten über „Gott und die Welt“, beim Abendessen, zu dem ich mit Köttbullar heiß machte, und morgens beim Frühstück. So kam keine Langeweile auf.


17.August: Tag 12

Thomas hatte die Nacht über ziemlich gefroren… – zu dünner Schlafsack und keine Isomatte. Wir verabschiedeten uns nach einem gemeinsamen Frühstück, denn wir hatten ja unterschiedliche Richtungen. An einem größeren Truppenübungsplatz entlang kam ich das erste Mal an die Westseeküste. (Die Nordsee heißt in Dänemark logischerweise Westsee.) Steifer Westwind lud mich nicht zum Baden ein und ich erinnerte mich an ähnliche Strände an der US – Pazifikküste 2023.


Nach einigen Hügeln und bekiester, fester Radroute, aß ich in Fjerritslev etwas zu Mittag und bat meine Powerbank nachzuladen – am Ende bekam ich sie ungeladen zurück. Vorbei an einer Kunstgalerie, später dann die markante romanische Kirche von Tømmerby – leider geschlossen, aber ein Foto war sie auch von außen wert.Ich wich immer wieder von meiner geplanten Route ab, um aus dem Gegenwind zu kommen und wählte als Ziel für den heutigen Tag den „Amtovst Havnecamping“. Das letzte Stück Strecke auf einer ehemaligen Bahnstrecke, vorbei an vielen mit Beeren dicht besetzten Brombeerhecken. Und einem großen Wikingerfriedhof.

Brombeerstrauch mit reifen und unreifen Beeren zwischen grünen Blättern.



Der Campingplatz am Limfjord hatte keine besetzte Rezeption. Man hätte umgerechnet 25 € bar in einen der vorbereiteten Umschläge stecken und durch einen Schlitz werfen sollen. Die hatte ich nicht passend. Aber ein Deutscher mit Campmobil konnte meinen 50 €-Schein wechseln, so dass ich nicht schummeln musste.
Ich war der einzige Gast mit Zelt und es gab eine windgeschützte Außenküche. Die Dusche leider nur mit Münzeinwurf. Für Campingplätze habe immer ich meinen Universaladapter mitgenommen, mit dem ich auch ohne das extra zu buchen, überall an die speziellen Strombuchsen herankam. Hat auch nie jemand beanstandet.


18.August: Tag 13

Morgens machte ich noch einen Abstecher auf die Mole am Limfjord.

Karte von Nordmors, die Wander- und Radwege sowie Naturtypen in der Umgebung zeigt.
Rechts oben die Fährverbindung

Jetzt hatte ich es entschieden:
Ich plante meine Route komplett neu, um möglichst nicht weiter westwärts gegen den Wind fahren zu müssen. Und wählte eine Route soweit wie möglich strikt südwärts – lieber dann eben Seitenwind. Dazu musste ich nach ein paar Kilometern eine Autofähre über eine Limfjord-Bucht nehmen, um dann entlang der Steilküste, auf der Hamlet König Fegge getötet haben soll, Richtung Nykøbing Mors zu fahren. Immer wieder über Teppiche heruntergefallener Mirabellen, von denen ich einige aß. Wieso erntet die eigentlich nirgends jemand?


Nykøbing Mors erwies sich als wert für eine Mittagspause.

Ein lebhafter Platz mit historischen Gebäuden, Bäumen und einem blauen Himmel mit Wolken.
Nykøbing Mors

Später fuhr ich dann über die Sallingsundbrücke, die zu dem Fjordkomplex gehört, der im Grunde Nordjütland zu einer Insel macht und dessen größte Wasserfläche der Limfjord ist. Zu dieser Brücke führt dann eine Radweg-Serpentine hinauf. Munter ging es dann über Hügel auf und ab. Linksseitig tauchten wieder bronzezeitliche Grabhügel auf.


Kurz vor Skive beendete ich dann die Etappe auf einem Campingplatz hoch über dem Skivefjord. Das Wetter drohte sich zu verschlechtern, deswegen kündigte ich am Empfang an, dass ich eventuell einen Tag länger bleiben würde. Ich stellte mein Zelt in der Nähe der Sanitär- und Küchengebäude auf und beobachtete ein italienisches Youtuber-Paar, das mit großem technischem Aufwand seine Campingausrüstung präsentierte. Dann machte ich noch einen Spaziergang zum Fjord hinab, um zu prüfen, ob ich am nächsten Morgen dort schwimmen würde. Und unterhielt mich noch mit den Italienern, die zum Frieren in den Norden gereist zu sein schienen und in dicken Pullovern da saßen, kochten, mir einen Espresso spendierten und etwas aßen.

Ruhiger See mit einem Steg und Schwimmleiter, umgeben von Gras und Sträuchern, unter einem bewölkten Himmel.


19.August: Tag 14

Die Wetterverschlechterung trat zunächst nicht ein. Gleichwohl war es recht kalt und ich konnte mich nicht zum Schwimmen aufraffen. Ich folgte aber der Radroute am Fjord entlang, fotografierte eine gotische Klosteranlage, die sich als Hochschule herausstellte. Schon nach 14 km fing es an zu pladdern. Ich floh in Fly (das ich spaßeshalber für mich Englisch aussprach, wobei mir gleich das Lied „Fly, fly fly, up up to the sky“ in den Kopf kam) vor dem Regen unter die Überdachung eines Sportplatzes. Da wartete ich dann annähernd 2 Stunden, bis es endlich aufhörte. Mir wurde klar, dass es aus 96 km, mit Wind schräg von vorn, heute nichts werden würde.
(Ich scheue mich im Regen zu fahren, weil Kleidung später über Nacht selten trocknet, wenn man nicht in einem trocknen Hotelzimmer schläft. Wenn ich genug Zeit und einen Schutz habe, warte ich lieber, bis es aufhört.)


Und so beschloss ich, den Shelterplatz in Haderup als Ziel zu wählen. Für diesen musste man einen Platz online anmelden, was ich bequem während der Zwangspause machen konnte.  Wieder kam ich an Grabhügeln vorbei, von denen einer eine ehemalige Richtstätte war.

Schon gegen 15 Uhr kam ich an diesem lauschig an einer Wiese und einem dahin schlängelnden Bach gelegenen Platz an, stellte aber fest, dass es keinen Wasserhahn gab und der Bach für eine Trinkwasserentnahme (ich hatte einen Filter dabei) vom Ufer aus zu tief lag. Ich fuhr mit Rad und Wassersack los, um irgendwo Wasser zu holen und traf auf eine ältere Dame, die wohl vom Einkaufen kommend auf ihr Haus zusteuerte und fragte sie, ob sie mir den Sack füllen könnte. Ich wartete dann mehrere Minuten, bis sie endlich zurückkam und bedankte mich. Die Sonne schien wieder. Ich fing an, Totholz zum Feuer machen zu sammeln, da es wieder anfing zu regnen. Mehrere Angler tauchten auf, die verschwanden aber nach einer Weile wieder. Niemand kam sonst zum Übernachten. Aus dem geplanten Lagerfeuer wurde nichts. Ich kochte mir schließlich zum Abendessen eine Suppe auf meinem Kocher. Alle Sitzgelegenheiten waren durchnässt und ich zog mich zeitig in meinen Shelter zurück. Nur 27 km waren es daher an diesem Tag.

Ein ruhiger Fluss, umgeben von üppigem Grün, Bäumen und Wiese.
Bachidyll am Shelterplatz

20.August: Tag 15

Heute konnte ich nun bei zunächst besserem Wetter starten, und nach einem Einkauf im örtlichen Supermarkt blieb mir erstmal keine Alternative als auf einer Nationalstraße ohne Radweg ( und das in Dänemark!) zu fahren. Unterwegs holte mich ein deutscher mit E-Bike aus Berlin-Zehlendorf ein, mit dem ich mich ein Weilchen unterhielt, bis er in der Ferne entschwand…

Endlich, vor Sunds, konnte ich wieder auf einen Radweg abbiegen, der mich weiter Richtung Herning führte. Ich bog zu einem Outdoorladen ab, in dem ich eine neue Gaskartusche kaufen konnte, denn meine von Zuhause mitgebrachte Kartusche ging nun langsam mal zur Neige.


Herning fand ich wenig interessant, allerdings zwang mich die Vollsperrung meiner Route zu einem größeren Umweg.  Nachmittags zog Schauerbewölkung auf, aber gespannt verfolgte ich die Wolkenbildung und irgendwie gelangte ich immer wieder in die Lücken. Weiter auf der Nationalstraße nervte mich der Verkehr trotz Radweg so, dass ich mich von Google-Maps Navigations -Sopranstimme auf einige matschige Feldwege verführen ließ.

Schließlich erreichte ich am Abend den Campingplatz Sønder Felding , auf dem besonders Lachsangler wohnten, die im nahe gelegenen Bach Skjern A ihr Glück versuchten. Die Rezeption war nicht besetzt und ich musste einen SMS schicken, damit dann später jemand zum Kassieren kam. Für die Lachsficher war die Küche mit Tiefkühltruhen ausgestattet. Mit einem Angler unterhielt ich mich länger. Er klagte über Fischmangel wegen Niedrigwasser. Und auch die Dänen klagten über Trockenheit, aber davon war weniger zu sehen als in Mitteleuropa.

Küche mit Tiefkühltruhe…

21.August: Tag 16

Wieder zwang mich die Route auf eine Nationalstraße ohne Radweg. Da ich aber genügend Zeit hatte, nahm ich nach 4 km einen Umweg über eine abbiegende Landstraße inkauf. Dieser mündete dann in mehr oder weniger gut befahrbare Wald- und Feldwege, mal südwestwärts, dann wieder westwärts gegen den Wind führend. Mittagspause auf einem Holzstapel.

Kaffeepause bei Tistrup an einem Tannenhain. Eine gemütliche Strecke, vorbei an einem malerischen, reetgedeckten Gehöft und der Kirche von Thostrup.

So kam ich nach 68 km am frühen Abend am Campingplatz Esbjerg an. Ein riesiger Platz. Die Küche ohne Sitzplätze. Zum Glück war meine Zeltstelle hinter eine Hecke einigermaßen gegen den Wind geschützt. Manche Etappen sind relativ ereignisarm. Wiesen, Felder, Hügel, wenige Orte, nichts, das mich länger fesselt. Nicht einmal Brombeeren!

22.August: Tag 17

Frühmorgens kam ein Schauer nach dem anderen und sorgte für ein nasses Zelt. Ich löste daher beim Packen als Erstes das Innenzelt vom Gestänge und – als dann die Sonne wieder schien, drehte ich den Rest immer wieder so, dass das Überzelt wenigstens einigermaßen trocknen konnte.


Dann ging es auf einer viel befahrenen Küstenstraße zuerst nach Esbjerg, vorbei an den riesigen Skulpturen “Der Mensch am Meer”. Ich war beeindruckt, aber auch von dem Softeis-Preis.

Vier große weiße Sitzskulpturen unter einem bewölkten Himmel, mit einer Person, die im Vordergrund auf einer Treppe sitzt.
“Der Mensch am Meer”


Esbjerg ist mit gut 70.000 Einwohnern Dänemarks einziger bedeutender Hafen an der „Westsee“ und erlangte seine Bedeutung erst nach dem deutsch-dänischen Krieg, als 1869 der Bau begann. Hier endete, bis sie leider 2014 eingestellt wurde, die einzige Fährverbindung zwischen Großbritannien und Skandinavien.


Der starke Rückenwind und der späte Aufbruch führten dazu, dass ich auf eine Stadtrundfahrt verzichtete und lieber zum 40 km entfernten Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks, mit 25 km/h “segelte”. In Ribe angekommen, hatte ich den für mich schlechtesten Tag für einen Besuch erwischt , denn es gab eine Art Weinfest, mit Weinen aus allen möglichen Anbaugebieten. Die Straßen der Altstadt waren voller, mehr oder weniger trunkener, Weingläser schwenkender  Menschen, zwischen denen ich mich irgendwie Richtung Dom hindurch quetschte. Zu meinem Unglück war der Dom dann wegen diverser Trauungen für Besucher geschlossen. Die Böen prallten an seinem Westwerk mit orkanartiger Wucht ab. Dagegen konnte ich nicht losfahren und musste ein Stück schieben.



Ersatzweise hier Bilder aus dem Dom, fotografiert 2008


Die Straße führt jetzt direkt nach Süden, was den Vorteil des Rückenwindes deutlich minderte. Kurz vor Skærbæk musste ich westwärts abbiegen und bekam die volle Wucht jetzt schräg von vorn ab. Ein wahnsinnig dichter Ausflugsverkehr kam mir von der Insel Rømø entgegen. Zum Glück gab es einen Radweg. Nach wenigen Kilometern bog meine Route wieder südwärts ab. Ich verließ sie aber wieder, weil ich darauf verzichtete, 25 € für den Campingplatz Ballum auszugeben und stattdessen entschied, den Shelter in Højer, kurz vor der deutschen Grenze, anzusteuern. Ich fuhr daher auf einem einsamen, geteerten  Feldweg durch die flache Nationalparklandschaft „Vadehavet“, begleitet von dramatischer Bewölkung blieb es aber trocken. Nach 86 km erreichte ich mein letztes Ziel in Dänemark.


Ich fand, nachdem ich zwei mutmaßliche Parkangestellte fragte, an einem Haus einen Trinkwasserhahn. Eine Toilette gäbe es nicht. “Dann bleibt nur das Gebüsch”, meinte ich, was mit einem Nicken bestätigt wurde. Es gab zweierlei Shelter: Eine große Halle mit zwei Schlaffächern und zwei ältere, grasbedeckte Shelter gegenüber. In der Halle gab es zwei längere Tische mit Bänken. Angesichts einer Investition für diese Konstruktion, die einige Zehntausend Euro gekostet haben mag, fragte ich mich schon, wieso man nicht wenigstens noch ein Trockenklo errichtet hat…
Ich aß am Tisch mein Abendessen, da kam ein Wanderer des Weges. Ein junger Mann, Mark aus Husum, war die Strecke entlang des Deiches gelaufen und bezog dann einen der älteren Shelter.

Innenansicht eines Holzpavillons mit sichtbaren Holzbalken und Bänken.


23.August: Tag 18

Die letzten 4 km in Dänemark begannen mit dem einzigen Kopfsteinpflaster, an das ich mich auf der Reise erinnern kann, in Højer.

DEUTSCHLAND (Schleswig-Holstein)

Der Nordseeküstenradweg führt dann recht zügig zum Deich, auf dem ein Informationshäuschen die deutsche Grenze erahnen ließ. Deutsche Radroutenwegweiser bestätigten meine Annahme. Hinter Klanxbüll fotografierte ich ein malerisches, leider im Verfall begriffenes Haus.


Die Rimberti-Kirche in Emmelsbüll thronte repräsentativ über dem kleinen Ort und war zu meiner Freude auch geöffnet. Beeindruckend mit einem hölzernen, mit Wolken bemalten Tonnengewölbe.


Mittagessen im Café Deichtraum. Anschließend ging es weiter südwärts auf dem Nordseeküstenweg immer am Deich entlang, hauptsächlich auf der windgeschützten, dem Land zugewandten Seite, hin und wieder auch mit Blick auf das Wattenmeer bis zu den Halligen. Da das alles aber Weideland für Schafe war, musste ich immer wieder Schutztüren öffnen, die geneigt sind und aufgrund dieser Neigung von selbst einrasten. Das passierte dann bis Husum “gefühlt” 50 mal…



Die Webseite des Husumer Campings empfahl eine vorherige Buchung, was ich, dachte ich, gemacht hätte. Jedoch, als ich in der Rezeption ankam, war davon nichts zu finden. Auch meine Zahlung nicht. Ich überprüfte mein Konto. Keine Abbuchung zu sehen. Seltsam. Aber auch gut, denn jetzt kostete  es mich nur die Hälfte! Das Gute dieses Platzes war nicht nur eine Küche wie in Skandinavien, sondern auch noch ein separates Esszimmer mit 4 Tischen!

Ich traf auf drei sportliche Bikepackerinnen aus Basel, die mit ihren Gravelbikes einen Umweg über Husum gemacht hatten, denn eigentlich wollten sie nach Bremerhaven (!). Und für mich als Chorsänger stellte sich heraus, dass ihre Gemeinsamkeit die war, dass sie alle in Basel im selben Chor singen, – alles Sopranistinnen!

Drei Radfahrerinnen posieren lächelnd vor ihren Fahrrädern in der Natur, während sie eine Pause machen.


Küche und Speisesaal des Husumer Campings

24. August: Tag 19

Morgens machte ich mich nach Husum, der “grauen Stadt am grauen Meer” (Th. Storm) auf. Aber Husum ist jetzt eine bunte und malerische kleine Stadt.


Ein Lebensmitteleinkauf war fällig. Dann weiter Richtung Süden entlang einer Radroute, an der Schilder immer wieder auf verschollene Dörfer hinweisen. In Koldenbüttel überraschte wieder eine malerische Kirche.


Auch Friedrichstadt war völlig neu für mich und somit auch der erstaunliche, mit Renaissancegebäuden umstandene Marktplatz.

Historische Gebäude mit Satteldächern in einer Stadt, Leute sitzen in einem Café, Fahrräder vor den Tischen, bunte Flaggen wehen im Wind unter einem blauen Himmel mit Wolken.
Freidrichstadt, Marktplatz

Auf einer großen Bogenbrücke fuhr ich über die Schlei. Die Kirche in Schlichting war leider geschlossen, aber eine Bank voller Äpfel im Garten davor lockte mit der Aufschrift “einfach nur dasitzen”.


Ich umfuhr die Stadt Heide auf einer idyllischen Route durch das Süderhofer Moor. Der Radweg wurde immer wieder zu einer Betonplatten-Spur, zum Glück nicht so hoppelig wie die vergleichbaren aus der ehemaligen DDR…


Eine Art Kiosk, mit dem Namen “Ankerplatz” lockte mit einem Selbstbedienungsangebot “Eis” und ich konnte nicht widerstehen. 2,80 € – für einen Becher Eis aus einer Tiefkühltruhe. Da ich aber nicht genügend Münzen hatte, versuchte ich, den Betrag über Paypal zu bezahlen. Jedoch wurde dieser nie abgerufen, wie ich später feststellte.


Abends erreichte ich am Nord-Ostsee-Kanal den Campingplatz “Klein Westerland”. Dort gab es eine Art Außenküche und ich traf auf zwei Biker aus Thüringen, die mit ihren großen Maschinen unterwegs waren. Ein dritter aus Hessen gesellte sich später hinzu. Als Radreisender werde ich immer wieder respektvoll von Motorradfahrern begrüßt und so gab es genügend Gesprächsstoff.
Nachts brummten die Hochseeschiffe durch den Kanal…

Ein Spazierweg entlang eines Flusses mit Blick auf eine große Eisenbahnbrücke unter einem klaren blauen Himmel, umgeben von Büschen und Bäumen.
Am Nord-Ostsee-Kanal

25.August: Tag 20

Nach einem gemeinsamen Frühstück mit politischen Gesprächen, (Kritik an der Höhe des Mindestlohns etc.) bei denen ich es vorzog, diplomatisch zu schweigen, startete ich und überquerte mit einer Fähre den Kanal. Der böige Wind hatte nach Südosten gedreht. Mein ursprüngliches Endziel Hamburg hatte ich schon zu Wedel, der letzten S-Bahn-Station, gekürzt. Ich passierte das ehemalige AKW Brokdorf.


In Glückstadt angekommen, entschied ich aber, dass ich keine Lust mehr zu kämpfen hatte. Und so fuhr ich mit der Regionalbahn bis zum S-Bahn-Anschluss, erlebte die seltsamen Fahrradmitnahme-Regeln des HVV, bei der man Fahrräder nicht in die großen Mehrzweckabteile mitnehmen darf, sondern nur in die “normalen” Abteile und dort dann, mit Gepäck auf dem Rad alles blockiert, und erreichte zeitig den Hauptbahnhof, von wo ich mit einer über die Bahn-App gelösten Fahr- und Fahrradkarte mit dem ICE zurück nach Berlin fuhr.

Gesamte Kilometer: 1198

Durchschnittliche Übernachtungkosten: 17 €

Dieses war die mit Abstand windigste Radreise mit ca. 80% Winden aus ungünstiger Richtung. Daher im Schnitt nur 66 km pro Tag.

Hier die endgültig gefahrene Route, die Strecken 10-16 sind unterwegs neu entstanden.


Karte von Dänemark mit Hauptstraßen und Städten wie Kopenhagen, Mors und Aalborg, dargestellt in verschiedenen Farben.